E s s a y s
AUSEINANDERSETZUNG MIT DER VERGANGENHEIT
Ich befürchte, dass in der heutigen Diskussion ein etwas fremdartiges Element enthalten sein wird. Ich bin kein Experte für die "Auseinadersetzung der Vergangenheit" in jenem engeren Sinne des Wortes - im Sinne der Versuche, den Einfluss der "alten Strukturen" der Geheimpolizei des kommunistischen Regimes zu vereiteln.
Dazu kann ich aus unserer tschechischen Erfahrung heraus nur eines sagen; Ich habe das Gefühl, dass in dieser Hinsicht die "samtene Revolution" eine "unvollendete Revolution" geblieben ist. Ich bin sicher froh, dass unsere Revolution - sofern wir für die gesellschaftlichen Veränderungen am Beginn der 90er Jahre diesen Ausdruck verwenden können - keine "Jakobinische Phase" hatte, dass die Vertreter des alten Regimes keinem "Rachegeist" und keiner Gewalt ausgesetzt waren. Die Sehnsucht nach Vergeltung ergreift nämlich oft auch Unschuldige - wir wissen das nur allzu gut aus den Ereignissen, die in vielen Ländern, auch in meiner Heimat, auf den Fall des Nazismus´ folgten.
Nach dem Fall einer Diktatur muss stets der Weg zwischen Scylla und Charybdis passiert werden - man muss versuchen, eine "Hexenjagd", aber auch eine Bagatellisierung der Schuld zu vermeiden. Und gerade zu jenem zweiten Extrem kam es bei uns. Über die Verbrechen des Kommunismus wird in der Öffentlichkeit nur sehr wenig gesprochen, die meisten davon bleiben völlig ungestraft, die begonnenen Strafverfahren ziehen sich in den meisten Fällen über Jahre ergebnislos hin. Es wurde zwar ein "Lustrationsgesetz" verabschiedet, welches es Mitarbeitern der Staatssicherheit verbietet, in bestimmten Schlüsselpositionen zu arbeiten, und nun erschien ein Verzeichnis über die die Mitarbeiter dieser Geheimpolizei, doch die Hauptakteure wurde bislang noch nicht belangt. Viele Offiziere und Mitarbeiter der Staatssicherheit gelangten zwar nicht in politische Funktionen der Staatsverwaltung, doch dank ihrem Finanzkapital, ihren Beziehungen und ihren Informationen nahmen sehr bald bedeutende Positionen im wirtschaftlichen Leben und in der Unternehmenssphäre ein, von da aus beeinflussen sie selbstverständlich die Politik und viele Machtstrukturen, vielleicht noch viel wirkungsvoller als aus rein politischen Funktionen.
Die Dinge wurden nicht beim richtigen Namen genannt, sogar Begriffe wie die christliche Vergebung wurden zum billigen Vergessen, zum gemütlichen Verschweigen der Wahrheit und zum Herumkommen um den schmerzvollen Weg der Gesundung missbraucht.
Man muss Vergebung und Versöhnung unterscheiden. Vergebung kann ein einseitiger Akt sein, vergeben kann ich in meinem Herzen demjenigen, der sich gegen mich oder gegen diejenigen versündigt hat, die ich als Bestandteil meines Lebens empfinde (auch wenn ich nicht in "anderer Namen" vergeben kann). Das kann ich auch dann tun, wenn sich der andere seine Schuld nicht vergegenwärtigt oder wenn er keine Vergebung von mir verlangt.
Versöhnung jedoch ist ein zweiseitiger Prozess. Dieser verlangt von demjenigen, der sich schuldig gemacht hat, ein Schuldbekenntnis und ein Bedauern sowie einen bestimmten Prozess einer inneren Veränderung. In diesem Prozess kann einem solchen Menschen in unverzichtbarer Art derjenige helfen, dem gegenüber er sich schuldig gemacht hat, indem er denjenigen, der sich schuldig gemacht hat, annimmt, einen Raum öffnet, in dem sich beide wieder treffen können und wo die Schuld nicht das letzte Wort hat. Es ist möglich, dass derjenige, der die Erfahrung einer eigenen Schuld und den Prozess einer Wende mitbringt, ein tiefgründigerer Mensch ist als derjenige, der sich nicht "die Hände schmutzig gemacht hat".
Allerdings müssen immer Vergebung und Bagatellisierung der Schuld unterschieden werden. Es ist gefährlich, Schuld zu bagatellisieren - gerade in den postkommunistischen Ländern kam es zu einem Großteil zu einer Tabuisierung der Themen einer moralischen und sogar rechtlichen Verantwortung der kommunistischen Verbrecher und ihren Kollaboranten, auch in den Reihen der Kirche.
Als Mensch, der eine Reihe von Jahren als Psychotherapeut gearbeitet hat, muss ich zugeben, dass die moderne Psychotherapie in ihrem Bemühen, das menschliche Gewissen von neurotischen Schuldgefühlen zu befreien, manchmal auch dazu beigetragen hat, dass in unserer Zeit Schuld nicht ernst genommen wird. Viele Menschen nehmen an, Schuld ließe sich relativ einfach wegdiskutieren.
Schuld ist jedoch eine reale Kategorie des menschlichen Lebens. Fragen wir uns mit Josef K aus Kafkas Prozess "Wie kann ein Mensch überhaupt schuldig sein?", nehmen wir Schuld nicht ernst, so nehmen wir auch die menschliche Verantwortung und Freiheit nicht ernst. Derjenige, der in der Lage ist zu sagen "mea culpa", hört auf, ein Rädchen in der gesellschaftlichen Maschinerie oder ein Objekt der verschiedensten Kräfte zu sein, die ihn bestimmen. Über das Schuldbekenntnis und die Buße entdecken wir die Freiheit wieder.
Es gibt hier jedoch noch einen Aspekt:
Ich weiß von Christen in den kommunistischen Gefängnissen aus der Zeit des Stalinismus, die ihr Leiden als Buße dafür, dass die Kirche in der Vergangenheit in vielen Dingen vom Willen ihres Herrn abgewichen ist. Wie alttestamentliche Propheten sahen sie in der Verfolgung den Weges zur Reinigung, Buße, den Weg einer Sonderpädagogik Gottes. Es half ihnen, aus der Rolle derjenigen, denen Unrecht widerfahren ist, herauszutreten, dem "Geist der Rache und dem Geist der Not" abzuschwören, nicht von Ressentiments belastet zu sein und das Leiden nicht als etwas Unsinniges zu verstehen. Das bedeutet aber nicht eine Entschuldigung für die Schuldigen und eine Rechtfertigung von Gewalt! Gerechtigkeit lässt sich nicht umgehen. Die Tiefenpsychologie lehrt uns, dass es nichts Schlechtes gibt, was nicht auch eine Analogie in unserem Herzen hätte. Unsere Feinde und Verfolger halten uns manchmal einen Spiegel vor, in dem wir das abgewandte Gesicht unseres Lebens erblicken können. Alle "Schattenprojektionen" müssen zurückgezogen werden. Der tschechische Dichter Jan Zahradníèek, ein langjähriges Gefangener des Kommunismus, hat einmal geschrieben: Mein Freund, mein Bruder, wer auch immer vorübergeht und die Welt mit der hässlichen Farbe des Hasses streicht, der befeuchtet sie auch in deinem und i seinem Herzen ... auf der Angeklagtenbank ist auch für uns Platz ...
Ich wiederhole noch einmal: der christliche Weg zur Gesundung der von Hass und Schuld verletzten Gesellschaft führt zwischen dem Extrem der "Hexenjagd" und dem Extrem des Schweigens über Schuld entlang. Das ist ein tiefer geistiger Prozess.
Mai 2003

