E s s a y s
CHRISTSEIN IN EUROPA AM BEGINN DES NEUEN JAHRHUDERTS
Meine Damen und Herren! Jeder, der die populären Lehrbücher der Kirchengeschichte gelesen hat, muss den Eindruck gewonnen haben, die Christen im antiken Rom hatten nichts anderes zu tun, als vor Augen blutgieriger Kaiser als Löwennahrung zu dienen. Wenn die Studenten im dreiundzwanzigsten Jahrhundert die Frage stellen werden, womit sich die Christen am Anfang des dritten Jahrtausends befasst haben, werden Sie - wie ich befürchte - folgendes erfahren: Die Christen haben tage- und wochenlang in Konferenzen gesessen und sich Referate zum Thema: Rolle der Christen in der säkularen Gesellschaft, im vereinigten Europa, in der globalen Welt usw. angehört…. Und da es in Europa immer weniger Christen gab und immer mehr die Konferenzen, musste sich jeder ausgebildete Christ so viele Vorträge dieser Art anhören, dass er immer bereits im Voraus wusste, was gesagt wird. Und so hat es sich - so die Lehrbücher im dreiundzwanzigsten Jahrhundert - eher um eine asketische Übung in der Tugend Geduld gehandelt, vielleicht um eine sublimierte Form der Selbstquälerei in der Art der mittelalterlichen Flagellanten.
Da ich davon fest überzeugt bin, dass der Tod vor Langeweile viel schlimmer ist als der im Löwenmaul, versuche ich nicht die Thesen zu wiederholen, die wir alle zu dem Thema, mit dem ich beauftragt wurde, oft genug gehört haben.
Einige Kilometer von hier entfernt gab es jahrzehntelang eine streng bewachte Grenze, was dazu führte, dass wir unseren gemeinsamen Glauben im unterschiedlichen gesellschaftlich-historischen und kulturellen Kontext erlebt haben. Die Vision eines gemeinsamen europäischen Hauses und eines Europas, das mit beiden Lungen atmet, hat zweifellos zum Fall dieser eisernen Grenze beigetragen. Mit Überraschung stellen wir fest, dass die Gesellschaft und Kirche beiderseits der Grenze unter derselben Lungenentzündung leiden. Trotz aller Herausforderungen und der "neuen Evangelisierung Europas" atmet der christliche Glauben im heutigen Europa schwer, um nicht zu sagen, er droht zu ersticken.
Viele scheinen den Kommunismus, den alten armen Teufel, zu vermissen. Wir haben uns an ihn gewöhnt. Er hat uns geholfen, unsere eigene Identität zu definieren. Worin besteht die Freiheit der "freien Welt", wenn sie mit nicht mehr dem surrealistischen Ungeheuer des "Realsozialismus" konfrontiert ist? Das Gespenst des Kommunismus hat seinen einhundert fünfzig Jahre langen Spaziergang durch die europäische Geschichte beendet. Viele Christen im Osten haben gelernt, Angst zu haben oder sich negativ abzugrenzen. Wer wird die Rolle des Gespenstes übernehmen, an das sie sich gewöhnt haben? "Der Liberalismus des Westens"? Der gute alte politische Liberalismus hat nach dem Fall des Kommunismus ähnliche Schwierigkeiten mit seiner Identität. Und "der Liberalismus in der Kirche"? Was ist das eigentlich? Sobald man nicht in den vom Feind beschossenen Schützengräbern nachdenkt, beginnen früher oder später kritische oder selbstkritische Gedanken heranzureifen. Diese Erfahrung machen nun auch die Christen in den postkommunistischen Ländern. In den Kirchen, denen es an Streitkultur fehlt (Streitkultur - welch ein schönes deutsches Wort!), führt dies jedoch zu großen Turbulenzen.
Der Kommunismus hat verloren - wer jedoch hat gewonnen? Viele Politiker, Ökonomen, Schriftsteller und religiöse Führer haben zwar in dem gerade vergangenen Jahrzehnt an ihre Verdienste erinnert, die Siegeskrone war jedoch allen zu groß. Manchmal neige ich zu der Ansicht, dass der Kommunismus von einer Kraft besiegt wurde, die genau so heftige und gegensätzliche Emotionen weckt, die früher der Kommunismus geweckt hat: der Globalisierungsprozess.
Die statischen, staatlich geplanten Wirtschaftssysteme sozialistischer Staaten konnten dem Prozess der globalen Marktvernetzung nicht standhalten. Die auf Zensur beruhenden Regimes konnten in der Zeit von Datenhighways des Internets und vom IT-Boom nicht überleben. Die kommunistischen Regimes erstickten im scharfen Wind, den die Konkurrenz von Waren und Ideen ausgelöst hat. Die Dissidenten aus ganz Osteuropa waren überrascht und verblüfft, als sie feststellen, wie schnell den geistlosen Machtkolossen der Atem ausging.
Wir müssen jedoch zugeben, dass auch die Kirchen auf dem großen Marktplatz - einem Marktplatz von Waren und Ideen und Ideen als Waren, der auf den Trümmern des kommunistischen Imperiums entstanden ist - nur schwer atmen können. Wenn es einen Sinn hat, vom "Gabentausch" zwischen Christen im Osten und Westen zu sprechen, dann sollten die Kirchen in Westeuropa ihren Brüdern und Schwestern im Osten - und vor allem ihren Brüdern im Episkopat - möglichst schnell und möglichst realistisch Know-how im Bereich der Kommunikation in der pluralen Gesellschaft zur Verfügung stellen.
Nach der langen Zeit des Kommunismus sind viele Repräsentanten der Kirche im Stande, nur "unter Gleichgesinnten" zu kommunizieren (und auch hier beherrschen sie oft nur eine Ebene der Kommunikation und können eher sprechen, als zuhören und Dialoge führen) und dann "mit den Feinden" (und auch hier konzentrieren sie sich auf Apologie und Polemik mit jemandem, der in der Tat nicht anwesend ist, bzw. auf Angriffe auf jemanden, den es gar nicht gibt). Beide Adressaten von gewöhnlichen kirchlichen Reden sind heute nur selten anzutreffen. Kämpferische Atheisten vom alten Schlag sind heute kaum mehr zu finden. Auf der anderen Seite gibt es immer weniger derer, die sich mit einer konkreten Form von Religion und Kirche hundertprozentig identifizieren. Eine plurale Gesellschaft besteht überwiegend aus Einzelnen und Gruppen, deren Verhältnis zur Religion ausgeprägt und ambivalent ist; es handelt sich um eine Mischung aus unklarem Interesse, Vorurteilen und selektivem Empfinden, wobei die meisten über keine "grundlegenden religiösen Kenntnisse" verfügen und die religiöse Sprache ihnen fremd ist.
Wenn die Kirchen oder wenigstens bestimmte christliche Gruppen in der totalitären Gesellschaft die Rolle eines kulturellen Dissens und einer quasi-politischen Opposition spielten, genossen sie Respekt und Sympathie in breiten Kreisen der Bevölkerung genossen. Heute spielt die Kirche in den postkommunistischen Ländern diese Rolle nicht mehr. Es wirkt peinlich, wenn sie sich stets nur auf die Verdienste von Gestern beruft, nicht im Stande ist, die geänderte Situation zu reflektieren und die Frage zu beantworten, was sie heute und morgen der Gesellschaft anbieten kann. Kurzsichtiger Pragmatismus, Unfähigkeit, die gesellschaftliche Situation sachlich zu analysieren, sowie der Mangel an kreativem theologischem Denken führten in vielen Kirchen Ost- und Mitteleuropas dazu, dass sie nicht versucht haben, die Rolle der Kirche in der neuen gesellschaftlichen und kulturellen Situation zu definieren, und dass sie über keine neue Auffassung und über keinen neuen Stil ihrer Seelsorge verfügen. Es herrscht eine Restaurationsmentalität, die falsche Prioritäten gesetzt und nach und nach praktisch alle Hoffnungen zerstört hat, die die Gesellschaft kurz nach der Wende auf die Kirche setzte.
Wenn heute von Gesellschaft und Kirche die Rede ist, muss gleichzeitig darauf hingewiesen werden, dass es sich keineswegs um zwei voneinander isolierte und gegeneinander stehende Größen handelt, sondern um zwei sehr differenzierte Mengen. Ich möchte jetzt meine Heimat als Beispiel wählen: in der kleinen Tschechischen Republik können mindestens drei Gebiete unterschieden werden, die aus religiöser Sicht unterschiedlich sind. (Ich werde jetzt gewisse Idealtypen im Sinne von Max Weber zeigen - in der Praxis sind sie natürlich keineswegs so streng voneinander getrennt.)
Ein Teil des tschechischen Gebietes - es betrifft ebenfalls den größeren Teil der Sudeten - ist aus religiöser Sicht eine Wüste. Die gut gemeinten Versuche deutscher Katholiken, die aus diesen Gebieten vor einem halben Jahrhundert vertrieben wurden, das religiöse Leben durch Renovierungen von Kirchen, gelegentliche Wallfahrten oder Gottesdienste zu beleben, wirken auf die lokale Bevölkerung bis auf einige wenige Ausnahmen wie Besuche von einem anderen Planeten. In einigen Teilen der Tschechischen Republik - vor allem in Mähren - hat die "Volkskirche" überlebt. Sie hat die kommunistische Verfolgung überstanden, aber in der Gegenwart scheint sie wie Schnee in der Frühlingssonne zu schmelzen. Dieser Typus Religiosität setzt ein bestimmtes sozio-kulturelles Milieu voraus. Dieser gedieh in der traditionellen Gesellschaft und war im Stande, auch vom Widerstand gegen die Verfolgung und von der Hoffnung auf die Rückkehr alter Zeiten zu leben. Nachdem die Verfolgung zu Ende war, wurde klar, dass die "alten Zeiten" niemals wiederkehren. Infolgedessen hat dieses Milieu an Vitalität verloren. Es zeigt sich vor allem an der Unfähigkeit, diesen Typus Religiosität der jungen Generation zu vermitteln, die auch in einem Dorf in Mähren dank dem Fernsehen, der Schule und vielen weiteren Medien in einem ganz anderem Wertmilieu, in einem anderem Kulturklima lebt. Die Religiosität des Typs der "Volkskirche" wird in der Tschechischen Republik eher eine marginale Erscheinung darstellen, eine Art Freilichtmuseum am Rande der Gesellschaft. Dieser Typus Kirche läuft jedoch die Gefahr, die Mentalität der prä-modernen Gesellschaft zu simulieren, in der er einst gedieh. So kann er jedoch entweder zum Getto einer "Paralellgesellschaft" werden (in diese Richtung gehen oft Versuche, die katholischen Vereine und den "Bundeskatholizismus" aus der Vorkriegszeit zu erneuern) oder sich gegenüber der äußeren Gesellschaft einschliesslich anderer Formen des Christentums mit dem Widerstand verhalten, den sie in der Konfrontation mit dem kommunistischen totalitären Regime gelernt hat (dieser Geist ist in einigen militant fundamentalistischen mährischen Zeitschriften zu spüren). Manchmal bleibt dieser Typus Religiosität dank der unbewussten kulturellen Schizophrenie ihrer Anhänger erhalten, die permanent in zwei Welten leben: morgens seufzen sie fromm bei der Andacht in der Kirche, abends stöhnen sie vor Aufregung, wenn sie sich die Actionsfilme auf kommerziellen Fernsehsendern ansehen. Wenn die Kirche einen vitalen und tiefen Glauben pflegen und sich nicht nur mit relativ viele Gottesdienstbesuchen zufrieden geben will, muss sie sich dessen bewusst werden, dass auch dieses Milieu ein Missionsmilieu ist. Für diejenigen, denen es um den Geist des Evangeliums geht, kann das Milieu des beunruhigten Traditionalismus zu einem echt steinernen Weinberg werden!
Den dritten Typus stellt in der Tschechischen Republik die Religiosität dar, die vor allem in großen Städten, und unter jüngeren und gebildeten Menschen vertreten ist, von denen die meisten konvertiert haben. Sie sind sich oft in Studentenpfarreien zu finden. Die Zahl der Erwachsenen, die sich taufen lassen, vor allem der Hochschulstudenten, ist immer relativ hoch und scheint sogar leicht zu steigen. Der Stil, mit dem diese "post-traditionellen Christen" ihren Glauben erleben und äußern, unterschiedet sich bedeutend von dem der "Volkskirche". Zwischen beiden Gruppen stehen oft große Kommunikationsbarrieren. Ein großes Problem sehe ich darin, dass die meisten Bischöfe und Priester aus dem traditionellen Milieu stammen und im Stande sind, sich bloß darin zu bewegen. Das Milieu der post-traditionellen Religiosität verstehen sie nicht und wissen nicht, wie sie mit ihm kommunizieren solllen. Die Seelsorge bei dieser Gruppe erfordert einen ganz anderen Pastoralstil und ist sehr anspruchsvoll. Die junge Generation und die gebildeten Menschen sind auf jeden Typ der "ideologischen Indoktrinierung" allergisch, und auch auf die gewöhnliche monologische Art der Glaubensverkündung. Diejenigen Priester, die sich im "post-traditionellen" Milieu zu Hause fühlen, kommen sich im klerikalen Milieu wie Fremde vor und genau so werden sie hier hier empfunden. Ich habe mehrmals erlebt, dass sie in einem solchen Maße frustriert waren, dass sie schliesslich ihren Dienst und die Kirche verlassen haben. Wenn den Gläubigen des "post-traditionellen Typus" in der Amtskirche Partner und "Brückenbauer" fehlen, sucht ihre bereits stark individualisierte Religiosität nach und nach einen Raum außerhalb der Kirche. Diese Menschen beginnen ihren Kontakt mit dem kirchlichen Christentum bloß für eine Übergangsphase ihrer spirituellen Entwicklung zu halten.
Während es bei uns in den letzten Jahren immer mehr Erwachsene gibt, die sich taufen lassen, geht die Zahl der getauften Kinder zurück. Die überwiegende Mehrheit von Kindern in der Tschechischen Republik wächst ohne religiöse Erziehung auf; auch unter den Gläubigen gibt es kaum Interesse an Religionsunterricht in der Schule. Oft haben die Eltern Angst, ihr Kind werde in der Schule stigmatisiert und ausgelacht: ein gläubiges Kind wird von den meisten Mitschülern als ein Sonderling angesehen. Wegen dem schlechten Niveau der theologischen Ausbildung (die skandalöse Situation an der Prager theologischen Fakultät ist bereits international bekannt) stellt ein gut vorbereiteter Katechet eine Ausnahme dar. Die Eltern, die ihren Glauben selbst erst als Erwachsene gefunden haben, haben mit der Religiosität von Kindern keine Erfahrung und diejenigen, die im traditionellen Stil erzogen wurden, haben oft das Gefühl, dieser Stil sei für die kommende Generation inakzeptabel. Auch in Familien von gläubigen Katholiken ist es oft der Fall, dass die Eltern eine religiöse Erziehung aufgegeben haben und behaupten, man müsse den Kindern "Freiraum" lassen, sodass sie später selbst ihren Weg zum Glauben und zur Kirche finden.
Die amerikanische Psychologin Maria Rizzuto hat behauptet, dass jeder, der in die Kirche kommt, "bereits seinen Gott unter dem Arm hält". Auf Grund ihrer Forschungen gelang sie zu der Überzeugung, dass sich jeder Mensch eine bestimmte Vorstellung von Gott mache, die oft durch frühe Erlebnisse und Erfahrungen mit den Eltern beeinflusst ist. Manche Menschen bewahren sich diese Vorstellung, andere lehnen sie ab oder geben sie zeitweilig auf, oft ändert sich die Vorstellung im Laufe des Lebens... Erst später werden diese Vorstellungen von Gott mit dem Begriff Gott konfrontiert, den die Kirche durch die religiöse Erziehung anbietet. Und gerade von dieser Konfrontation - die einen unterschiedlichen Verlauf und unterschiedliche Ergebnisse haben kann, hängt der Typus Religiosität des jeweiligen Menschen ab. Wenn wir deshalb von der Evangelisierung sprechen wollen - einschliesslich der "neuen Evangelisierung Europas" - müssen wir daran denken, es geht immer um einen Dialog zwischen den spontan entstandenen persönlichen religiösen Vorstellungen der Menschen und der Tradition, die durch den Glauben der Kirche formiert wurde. Die tschechische Gesellschaft wird oft als extrem atheistisch bezeichnet: es handelt sich jedoch nicht unbedingt um Atheismus an sich, sondern vielmehr um die Überlegenheit der spontanen religiösen Vorstellungen über der kirchlichen Auffassung von Gott und Religion. Das spirituelle Leben der Gesellschaft ist nicht verschwunden, obwohl es durch die Jahrzehnte von Unfreiheit stark betroffen wurde und die Menschen nicht bereit und fähig sind, darüber zu sprechen und es auszudrücken. Dieses spirituelle Leben hat jedoch mit der kirchlichen Praxis meistens kaum etwas Gemeinsam.
Ich zähle zu denjenigen, die die Religion nicht für eine Alternative der "Weltansicht" halten, sondern die die Religion als eine antropologische und kulturelle Konstante verstehen, als eine Dimension des Lebens des Individuums und der Gesellschaft. Heute wird der "religiöse Raum" oft nicht nur durch Inhalte traditioneller Religionen erfüllt, sondern es gibt hier andere Phänomene, die die soziale und psychologische Rolle der Religion übernehmen. Der Begriff Religion sei hier im soziologischen und funktionalen Stil verwendet - Religion als "heiliger Baldachin der Gesellschaft" (Berger), "tiefe Dimension der Kultur", durch die die Beziehung dazu zum Ausdruck gebracht wird, was als ultimate concern, das Letzte Ziel empfunden wird (Tilich), als Kultur unserer Beziehung dazu, was nicht verfügbar ist (H. Lübe), als Quelle des moralischen Klimas der Gesellschaft, als System der allgemein geteilten Werte etc.
So könnte man beispielsweise davon sprechen, dass die Medien heute weit gehend die traditionelle soziale Rolle der Religion übernommen haben - sie stellen eine Welt geteilter Symbole dar, bilden ein Kommunikationsnetz unter den Menschen, formen den Lebensstil, übergeben bestimmte Wertsysteme, interpretieren die Welt, bieten eine Sinndeutung an, für viele sind sie sogar Arbiter der Wahrheit und Wirklichkeit: es wird das für Realität gehalten, was die Menschen auf dem Bildschirm gesehen haben. Das Fernsehen stellt für viele eine "gemeinsame Welt" dar, aus der sie in ihre private Welt zurückgehen. Aber auch in der privaten Welt leben in vielen Menschen verinnerlichte Helden von Fernsehserien, und die Fernsehprogramme werden zum Kommunikationsthema mit anderen, zur geteilten Wirklichkeit. Genauso wie die traditionelle Religion gewöhnlich eine Variante für das Volk und eine für Gebildete angeboten hat, so ist es auch die Medien: Fernsehen spielt die Rolle der "Volksreligion", für die Privilegierten gibt es das Internet.
Also: Keineswegs zweifle ich daran, dass es in Europa im neuen Jahrtausend Religion geben wird. Ebenfalls bin ich davon überzeugt, dass der christliche Glauben nicht aus Europa verschwinden wird. Ich zweifle jedoch daran, dass das Christentum "zu der Religion der Europäer" wird, dass es die Form der Religion in dem Sinne hat, in dem ich hier den Begriff Religion benutze, dass es wieder zu der integrierenden Kraft in der Gesellschaft wird. Ich habe keinen Grund zu erwarten, dass das Christentum in Europa wieder die soziale Rolle übernimmt, die es im Mittelalter spielte. Würde jemand mit dem Projekt der "neuen Evangelisierung Europas" ähnliche Hoffnung verbinden, würde er dadurch - wie ich befürchte - sehr problematische Illusionen nähren.
In vielen Ländern spielt die Rolle der integrierenden Kraft der Gesellschaft Islam. Dabei ist interessant, dass viele islamische Gesellschaften die moderne Wissenschaft und Technologie integriert haben, ohne dass Islam und seine dominante religiöse Rolle dadurch erschüttert wären. (In Europa stellte die Konfrontation des Christentums mit der modernen Wissenschaft eine der Ursachen dafür dar, dass die religiöse Rolle des Christentums in der Gesellschaft wesentlich geschwächt wurde. Man könnte sagen, dass die Wissenschaft ca. zwei Jahrhunderte lang in Westeuropa die soziale und kulturelle Rolle der Religion spielte: sie war Arbiter der Wahrheit - das "wissenschaftliche" wurde praktisch zum Äquivalent für das "wahre, tatsächliche, zuverlässige; sie war der wichtigste Interpreter der Wirklichkeit. Diese Rolle spielte die Wissenschaft bis zum Ende des zwanzigsten Jahrhunderts - und es ist wohl kein Zufall, dass es gerade in dieser Zeit zur bestimmten Versöhnung zwischen der Wissenschaft und dem christlichen Glauben gekommen ist (in vieler Hinsicht belegen es z.B. die Dokumente des Zweiten Vatikanums, die Reden des heutigen Papstes, Werke von bedeutenden Theologen und Wissenschaftlern).
In manchen Teilen von Afrika und Südamerika spielt der christliche Glauben sicherlich die soziale und kulturelle Rolle der Religion, er verbindet die Gesellschaft und vermittelt gemeinsame Werte. In den Vereinigten Staaten sind die Kulturwerte der Religion ein Bestandteil von "civil religion" und in diesem Sinne nimmt das Christentum an der "impliziten Religion von Nordamerika" teil. Die amerikanische Verfassung und politische Kultur besteht auf der Trennung von Staat und Kirche und gewährt der organisierten Religion einen zwar großen, trotzdem klar abgegrenzten Raum im öffentlichen Leben. Die Vereinigten Staaten stellen jedoch eine viel weniger säkularisierte Gesellschaft dar als Europa. Einen großen Einfluss - mindestens auf einen Teil der amerikanischen Gesellschaft - üben die evangelikalen Richtungen im Christentum aus.
Sehr interessant wird diese Tatsache in der sog. ökonomischen Theorie der Religion interpretiert. Die Autoren dieser Theorie behaupten, dass die religiösen Institutionen in den Vereinigten Staaten, die permanent der Konkurrenz ausgesetzt und jeder Unterstützung seitens des Staates entblößt sind, zur Effektivität, Flexibilität und differenzierten Skala der Dienstleistungen gezwungen sind. Die Kirchen in Europa, besonders dort, wo sie die Gunst des Staates genießen und eine immer noch relativ privilegierte Stellung haben, erinnern an "faule Firmen", die sich nicht bemühen, den Wünschen potenzieller "Kunden" entgegenzukommen (z.B. die Länder Nordeuropas, in denen es die Staatskirche und fast keinen religiösen Pluralismus gibt, gehören zu den am meisten säkularisierten Ländern der Welt). Nach den Autoren dieser Theorie geht es nicht darum, dass es in Europa keine Nachfrage nach Religion gäbe, sondern darum, dass sich die europäischen Kirchen im Vergleich mit den amerikanischen weniger Mühe geben.
Sicherlich gibt es vieles, was man dieser Theorie vorwerfen könnte. Die Analogie zwischen der Evangelisierung der Kirche und Marketing würde vielen Christen mit gutem Recht als eine Blasphemie klingen. Wir wissen, dass "Erfolg keiner der Namen Gottes ist", dass der wahre Apostel das Evangelium verkünden soll, sei es "erwünscht oder unerwünscht", und dass die Kirche auch mit dem harten Schicksal der unerwarteten Propheten rechnen muss. Die Schwäche, Müdigkeit und "Misserfolg" der Kirchen im heutigen Europa verbergen jedoch viele Ursachen.
Ich will hier nicht alle soziologischen Säkularisierungstheorien wiederholen - und das in der Zeit, in der die meisten Soziologen das "Säkularisierungsparadigma" für überholt halten. Wir sollten uns eher fragen, ob wir bei der Suche nach der Antwort nicht vergessen haben, die Frage als solche kritisch zu prüfen. Ist die gegenwärtige Entwicklung des Christentums in Europa unbedingt als Misserfolg zu verstehen? Haben wir nicht unbewusst und unkritisch eine der historischen (und definitiv überholten) Formen des Christentums zum Kriterium gemacht, und zwar seine mittelalterliche Form? Damals war das Christentums tatsächlich die Religion Europas. Es war in der ganzen Gesellschaft präsent und hat auch die Lebensbereiche umfasst, die sich später als selbstständige Sektoren getrennt haben und die wir seitdem als Politik, Kultur, Wirtschaft, Sozialfürsorge etc. bezeichnen. Wir können uns hier nicht mit der Frage befassen, inwieweit diese massive Präsenz der Kirche und ihrer Symbole in der Gesellschaft tatsächlich bedeutet hat, dass das Leben einzelner Menschen vom Geist des Evangeliums durchdrungen war, und ob diese Gesellschaftsform den Auftrag Jesu ideal erfüllt hat "Gehen Sie in die ganze Welt hinaus und gewinnen Sie Jünger für mich!". Ebenfalls müssen wir fragen, ob sie für das, was wir heute "Evangelisierung" nennen, erwünscht oder riskant ist.
Diese religiöse Form des Christentums scheint seit dem Hochmittelalter bis zum heutigen Tag unwiederbringlich und unaufhaltsam abzubröckeln. Die sozialen Rollen haben sich differenziert: säkulare Institutionen haben viele Rollen übernommen, die früher die Kirche ausgeübt hat (und in denen sie in der Regel Monopol hatte). Viele "christliche Werte" wurden durch die säkulare Kultur in dem Maße infiltriert, dass sich heute keiner ihres Ursprungs bewusst ist. Unter der kommunistischen Herrschaft wurde der Prozess der Säkularisierung der Gesellschaft geplant und fanatisch ad absurdum gesteigert. Die Kirchen mussten den öffentlichen Raum komplett verlassen (abgesehen von den Aktivitäten der kollaborierenden Gruppen) und sich praktisch nur auf die Gottesdienste beschränken (und zwar unter eingeschränkten und durch die Polizei permanent kontrollierten Bedingungen). Das Problem der heutigen Religiosität in Tschechien besteht ebenfalls darin, dass sich sowohl die Kirchen, als auch die Gesellschaft auf diese deffiziente, drastisch reduzierte Form christlichen Lebens mehr oder weniger gewöhnt haben.
Marxismus hat versucht, sich selbst als Religion, als integrierendes Element der Gesellschaft zu konstituieren, das sogar eine Art eschatologische Dimension anbietet, die apokalyptisch in Form des revolutionären Terrors in die Gegenwart durchgebrochen ist. Es ist jedoch nicht gelungen, "Himmel auf Erden" zu konstituieren, Terror hat sich allmählich ausgeschöpft und statt "Glauben", Begeisterung und freier Zustimmung ist bloß Konformität aus Angst geblieben. Indem jedoch der Terror weicher wurde, wurde auch die Angst schwächer. Die marxistischen Regimes sind zusammengebrochen. Wer jedoch erwarten hat, dass das Christentum wieder die gesellschaftliche Rolle der Religion übernimmt (oder dass es wenigstens bei der Erneuerung der europäischen politischen und ökonomischen Ordnung ähnliche Rolle spielt, wie der Katholizismus nach dem Zusammenbruch des Nazismus in Deutschland und in Italien gespielt hat), hat sich geirrt.
Der christliche Glauben und seine institutionelle Repräsentierung hat keine wirksamen Mittel zur Gesellschaftskontrolle zur Verfügung. Im Laufe der Modernisierung hat die Form des Christentums als einer "Weltansicht" die Oberhand gewonnen, die einen Rückzugskampf mit der "wissenschaftlichen Weltansicht" geführt hat (sei dadurch der positivistische Szientismus oder Marxismus gemeint, in beiden Fällen handelt es sich um Ideologien, die sich durch die Wissenschaft als Arbiter der Wahrhaftigkeit legitimieren wollten). Zum Prototyp solcher ideologischen Form des Christentums wurde die neuthomistische Theologie. Die Form des Christentums als einer "Weltanschauung" ist aber heute genauso tot wie die mittelalterliche "christianitas", die "christliche Zivilisation".
Das, was übrig bleibt, ist das Christentum als Spiritualität. Meiner Meinung nach ist gerade dies die Form des Glaubens, die in der Zukunft das öffentliche und private Leben der Christen inspirieren kann. Aber vielleicht auch der Menschen, die außerhalb der sichtbaren Grenze der Kirchen leben und sich mit keiner konkreten christlichen Denomination identifizieren.
Während "Weltansichten" heute nur noch ein Museumsstück sind, scheint Durst nach Spiritualität - einschliesslich der Spiritualität der Politik, spiritueller Impulse für ökologische und soziale Aktivitäten usw. - bedeutend zu steigen. Es handelt sich keineswegs nur um ein "Modewort", es handelt sich um "Zeichen der Zeit". Es ist zu verstehen, dass die Sehnsucht nach der Verbindung von "Kontemplation und Aktion" gerade in der Welt entstanden ist, die durch Aktivitäten deformiert wurde, die bloße Re-Aktionen waren - durch Mechanismus der Belohnung oder Konkurrenz bestimmt, und bei denen man keinen Sinn erfahren hatte.
Auf die Frage, welche Form des Christentums ich für das neue Jahrtausend für perspektiv halte, gebe ich folgende Antwort: es wird weder das Christentum als "Zivilisation" noch als "Weltansicht" sein, sondern Christentum als ein Weg. Ich denke nicht, dass die institutionellen oder dogmatischen Strukturen, durch die der christliche Glauben in der Vergangenheit artikuliert wurde, verschwinden oder an Verbindlichkeit verlieren. Das wäre bloß eine weitere Version der spiritualistischen Utopie von Joachim von Fiore. Diese Formen der "Inkarnation" gehen nicht verloren, sie treten jedoch gewissermaßen in den Hintergrund. In den Vordergrund wird die Spiritualität rücken: Christentum als ein Weg wird wichtiger als Christentum als Doktrin oder Institution.
Diese beiden Formen müssen jedoch nicht unbedingt in Konflikt geraten. In der Lehre des Zweiten Vatikanums und des heutigen Papstes gibt es letztendlich genug Anregungen dafür, wie die bisherigen Formen des Christentums als "Wege" zu reinterpretieren sind. Die Ekklesiologie des Zweiten Vatikanums beruht auf dem biblischen (alttestamentlichen) Bild der Kirche als einer "Gemeinschaft des Weges": Volk Gottes, das durch die Geschichte pilgert. Johannes Paul II. hat in seiner ersten Programmenzyklika die Auffassung Jesu als eines Weges, der Kirche als eines Weges und der menschlichen Existenz als eines Weges verbunden: "Jesus Christus ist der wichtigste Weg der Kirche (...). Der Mensch in voller Wahrheit seiner Existenz, seines persönlichen, aber auch gesellschaftlichen und sozialen Seins ... stellt den ersten Weg dar, den die Kirche bei der Erfüllung ihres Auftrags gehen muss: er ist der erste und grundlegende Weg der Kirche." (Redemptor hominis, Art. 13 und 14).
Hans Waldenfels hat sich in seiner Kontextuellen Fundamentaltheologie detailliert damit befasst, dass Jesus im Evangelium nach Johannes von sich selbst als von einem Weg spricht, dass sich die ersten Christen als "Menschen des Weges" bezeichnen und dass der "Weg" der Schlüsselbegriff der Theologie vom Augustinus ist. In der langen Tradition der Spiritualtheologie wird der Glauben als Aufstieg zum Gott verstanden, der in einzelne Abschnitte geteilt ist - via purgativa, via illuminativa, via unitiva. Thomas von Aquin hat das, was der Thomismus später als "Beweise der Existenz Gottes" präsentiert hat, als fünf Wege bei der Suche nach Gott bezeichnet. Und Waldenfels zeigt, dass dieser Begriff, der in der späteren Theologie leider überdeckt wurde, zur Grundlage des interreligiösen Dialogs werden kann, weil das Symbol des Weges vor allem in der asiatischen Spiritualität zentrale Rolle spielt (tao, shinto, dó).
Die Polemik mit dem Protestantismus hat den neuzeitlichen Katholizismus dazu geführt, dass das System der Lehre und die Institution der Kirche zu stark betont wurden. Die Verkirchlichung des Glaubens und die Ideologisierung des Glaubens haben verursacht, dass die zwar wichtigen Sachen, die aber nur dienstbaren und "vorletzten" sind, absolutisiert wurden. Der Glauben als ein Lebensweg ist dadurch gewissermaßen in Vergessenheit geraten, er hat seine Dynamik und Vitalität auch deshalb verloren, weil er sich zu stark an statische Formen fixiert hat. Der Glauben wird zweifellos auch weiterhin durch Glaubensartikel und kirchliche Institutionen artikuliert. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass der Glaubensweg ebenfalls durch schweigende Tiefen des Herzens führt, die dem Reich des doktrinalen Glaubensinhalts vorhergehen. Der Glaubensweg inspiriert auch die Formen unserer menschlichen Solidarität - zum Beispiel unser bürgerliches Engagement, die über die Welt kirchlicher Institutionen hinaus gehen.
Der Brief an die Hebräer, in dem Christus als derjenige vorgestellt wird, der den "neuen und lebendigen Weg" zu Gott erschließen hat, betont, dass Jesus hinter den Schanzen gelitten hat, und das wir deshalb ebenfalls hinter die Schanzen gehen müssen… (vgl. Hebräer 10 - 20 und 13, 12-13) Und in demselben Brief werden zu den Archetypen des Glaubens Gehorsam und Entschlossenheit des "Glaubensvaters" Abraham gezählt: er glaubte an Gott und "zog weg, ohne zu wissen, wohin er kommen würde" (vgl. Hebräer 11,8).
Ja, es ist hinter die Schanzen zu gehen! Wir haben zu viel Zeit und Energie mit innerkirchlichen Streitigkeiten und mit sekundären, die Kirche betreffenden Fragen verschwendet. Wenn ich die langwierigen Diskussionen darüber höre, ob die Reformimpulse des Zweiten Vatikanums unerfüllt geblieben sind, bzw. ob die Betonung des "Geistes des Konzils" ganz im Gegenteil nicht zu weit gegangen ist, bin ich mir mit schmerzhafter Enttäuschung dessen bewusst, dass die beiden Seiten des Streites - die "Progressisten" genauso wie die "Traditionalisten" - in der vorkonzilianischen Orientierung auf die Kirche verhaftet bleiben und dass sie das beiseite lassen, was der wahre Kern des Konzils war. Konzil hat sicherlich wichtige Impulse für die Reform des kirchlichen Lebens gebracht, sein wichtigster Beitrag bestand jedoch in der Änderung der Beziehung der Christen zur Welt. Die Reformen des kirchlichen Lebens sollten letztendlich nur Mittel und Instrumente für die Erfüllung dieser Aufgabe werden.
Die Originalität des Zweiten Vatikanums bestand vor allem darin, dass es die wichtigste Aufgabe, die der Kirche bevorsteht, nicht nur in der "besseren Moral, intensiveren Frömmigkeit, eifrigeren Predigten und größeren Reinheit der Lehre" gesehen hat (dass es also nicht nur das wiederholt hat, was die Kirche seit zwei Tausend Jahren sagt), sondern dass es eine andere Antwort gegeben hat: das, worum es jetzt geht, ist die Solidarität der Kirche mit dem heutigen Menschen. Freude und Hoffnung, Trauer und Schmerz des heutigen Menschen werden Freude und Hoffnung, Trauer und Schmerz der Kirche.
Ich habe Angst, dass gerade dieses Programm des Konzils unerfüllt blieb. Die solidarische Begleitung der heutigen Menschheit setzt nämlich voraus, dass wir den Glauben tatsächlich als einen Weg verstehen, nicht als Summe von metaphysischen und statischen "Wahrheiten über den Menschen" und Sammlung von moralischen Grundsätzen, Verboten und Befehlen. Soll der Mensch tatsächlich der wichtigste Weg der Kirche sein, wie Johannes Paul II. in seiner ersten Enzyklika im Geiste des Konzils herausgefordert hat, ist eine Spiritualität notwendig, die sich nicht so viel mit den Krisen der Kirche befasst, sondern vielmehr mit den kritischen Zeiten, die der Mensch und die Menschheit auf ihrem Weg in der Welt, der Gesellschaft und in der Geschichte durchmachen. Die Krisen der Kirche bleiben ausweglos, wenn sich die Kirche (sei es im Geiste vom "Progressivismus" oder "Traditionalismus") mit sich selbst befasst und das vernachlässigt, was sie im Konzil dem "heutigen Menschen" zugesagt hat.
Ich halte es für gefährlich provinziell und sehr verantwortungslos, wenn so viel Energie in innerkirchliche Probleme in der Zeit investiert wird, wenn die Wissenschaftler - keineswegs aus reiner Sehnsucht nach der Erkenntnis, sondern unter kommerziellem Druck - auf dem Gebiet experimentieren, wo die Menschlichkeit der Menschen als solche aufs Spiel gesetzt wird, wenn die Demokratie in der Zeit wachsender Macht übernationaler Wirtschaftskörperschaften und einflussreicher übernationaler Medien eine tiefe Krise ihrer Glaubwürdigkeit durchmacht, wenn die Armut immer größere Gebiete unserer Welt ergreift und wenn sich unterschiedliche Formen von Gewalt und Abhängigkeiten als eine ansteckende Krankheit verbreiten. Die Ärzte, Wissenschaftler und Politiker sind durch solche Probleme belastet, dass sie meistens keineswegs auf unsere moralischen Richtlinien warten. Auf der anderen Seite können sie sich nicht nur auf die Maßnahmen der Gesetzgebung verlassen. Ich will die Bemühungen von Moraltheologen, Juristen und Gesetzgebern nicht bagatellisieren. Es ist sicherlich angebracht, an die Kirchenlehre von dem Wesen des Menschen zu erinnern und die Fragen zu beantworten, was moralisch zulässig ist und was nicht. Es reicht aber nicht. Wir müssen zugeben, dass wir manchmal nicht im Stande sind, adäquate Antworten auf die konkreten heiklen Fragen unserer Zeit zu geben. Dann sollten wir uns jedoch nicht mit allgemeinen moralischen Phrasen zufrieden geben, die oft leicht darin abgleiten können, was der tschechische Philosoph Václav Bìlohradský als "moralischen Kitsch" bezeichnet. Und noch schlimmer ist es, wenn wir zum Fundamentalismus fliehen und versuchen, die Bibel und Tradition verantwortungslos als einen angeblichen Speicher von fertigen Antworten zu missbrauchen - von fertigen Antworten auf die Fragen, vor denen die Bibel und die Tradition nie gestanden haben.
Trotzdem hat der Glaube als ein Weg (nicht als eine Summe von ewigen Wahrheiten) gerade in dieser Zeit viel anzubieten. Die größten Schätze der Kirche bestehen meiner Meinung nach nicht aus Definitionen und moralischen Gesetzen, sondern aus den spirituellen Erfahrungen mit unterschiedlichen Wegabschnitten, einschliesslich derer, die durch Nacht und Wüste führen. Wenn wir den Politikern, Wissenschaftlern, Ärzten und Juristen keine fertigen Antworten auf die schwierigen Fragen geben können, vor denen sie stehen, können wir wenigsten Spiritualität und Ethos dieser Berufe inspirieren: das persönlich Verantwortungsbewusstsein wecken, den Weg zeigen, wie das eigene Gewissen zu erziehen ist, wie dem Gewissen bei der Arbeit und beim komplizierten Entscheiden zuzuhören ist, wie die Ambivalenz von komplizierten Lebenssituationen zu tragen ist, wie durch das dunkle Tal des Zweifels und durch die dunkle Nacht der Verzweiflung und Resignation zu gehen.
Das Herz des Christentums als Spiritualität besteht aus der praktischen Hodegetik, aus der Kunst, den Weg zu suchen und ihm zu folgen. Die Kirche am Ende des zweiten Jahrtausends hat beim berühmten Konzil dem heutigen Menschen und der heutigen Welt nicht nur das oberflächliche "Aggiornamento" versprochen, sondern Liebe, Achtung und Treue, die sich in ausdauernder und solidarischer geistiger Begleitung bewähren soll. Auf die Frage, die mir gestellt wurde, was die Kirche in Europa am Anfang des neuen Milleniums zu tun hat, gebe ich folgende Antwort: sie soll sich bemühen, dieses Versprechen ehrlich zu erfüllen.
28.4.2001

