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TOMÁŠ HALÍK: "VIELE TSCHECHEN BETRACHTEN SICH EIGENTLICH FÄLSCHLICHERWEISE ALS ATHEISTEN"

Wie ist es, Priester in einem Land zu sein, wo die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung sich zu keinem Glauben bekennt?

Das ist eine gewaltige, aufregende Chance, eine tolle Aufgabe, eine sagenhafte Herausforderung. In unserem Land hat das Christentum aufgehört, eine Selbstverständlichkeit zu sein, eine Religion als Sache einer Tradition, ein kollektives Teilen von Meinungen, Bräuchen und Ritualen. Es kann also wieder das sein, was es ursprünglich war und was es vor allem sein soll, das heißt Glaube, die freie Tat einer Antwort auf die Herausforderung des Evangeliums, das schöpferische Suchen des eigenen Weges in der Nachfolge Christi. Wenn heute in der Tschechischen Republik jemand beschließt, Christ zu sein, ist dies ein höchst persönlicher freier Schritt. Von niemandem, nicht einmal von der öffentlichen Meinung, wird heutzutage jemand dazu gezwungen, dafür gelobt oder darin unterstützt. Man muss nonkonformistisch gegen den Strom schwimmen, ständig auf kritische Einwände reagieren und häufig auch auf eigene Zweifel reagieren, und das läutert den eigenen Glauben. Es zwingt einen dazu, in die Tiefe zu gehen und ein authentisches Zeugnis abzugeben. Wohl kaum anderswo haben der Glaube und das Priestertum - als Dienst für den Glauben der anderen - so tolle, aber auch ganz schön anspruchsvolle Bedingungen wie im heutigen „atheistischen“ Böhmen.

Sie gehören also nicht zu denen, die sich über einen Mangel an „Schäfchen“ beschweren?

Ich beschwere mich überhaupt nicht. In einem traditionellen Milieu, wo die Christen in der Mehrheit sind, würde ich nicht Priester sein wollen und könnte es wohl auch gar nicht sein. Ganz fremd ist mir die Rolle des Herrn Pfarrers, der nur seine Pfarrmittglieder mit den religiösen Bedürfnissen versorgt und bis zu einem gewissen Grad auch die Rolle des Missionars als eines Seelenfängers ausübt. Obwohl – oder gerade deshalb durfte ich das Interesse am Evangelium wecken und wirkliche viele Menschen zur Taufe begleiten und  in die Familie der Kirche einführen.

Wie also sehen Sie Ihre Rolle als Geistlicher?

die Gesellschaft als Ganzes und deren geistigen Zustand. Ich bemühe mich insbesondere mit meinen Büchern, auch und vor allem jenen zu dienen, die möglicherweise nie im Sinn hatten, „standardmäßige Schäfchen der Kirche“ zu werden. Dennoch sind sie spirituell nicht blind und in religiöser Hinsicht sind sie auch nicht total unmusikalisch. Die Kirchen sollten - im Unterschied zu Sekten - nicht nur an ihren harten Kern denken, sondern auch an jene, die als Mehrheit der tschechischen Gesellschaft in dieser grauen Zone zwischen überzeugten Atheisten und kirchlich aktiven Christen sitzen. Auch dort sollten sie Verbündete und Sympathisanten haben, die in der Lage sind, zumindest ein Stück des Weges gemeinsam mit uns zurückzulegen. Erstaunlicherweise hängt von eben diesen Sympathisanten das Klima innerhalb der tschechischen Gesellschaft mehr ab als von den hundertprozentigen Christen, die immer eine kleine Minderheit waren, dies auch heute sind und es auch in Zukunft sein werden. Aber auch diese Minderheit ist so wichtig wie Salz, das ja in der Regel auch nur in kleinen Dosen vorkommt und nicht in zu großen Dosen vorkommen sollte. Ohne Salz aber ist jedes Essen ungenießbar.

Womit erklären Sie sich einen so hohen konfessionslosen Bevölkerungsanteil?

Bei der absoluten Mehrheit dieser Menschen handelt es sich eigentlich nicht um Atheismus, sondern vor allem um die fehlende Bereitschaft, sich mit dem traditionellen kirchlichen Christentum zu identifizieren. Dieser Zustand bringt, wie ich schon sagte, gewisse Vorteile mit sich, vor allem für jene, die Glaube, Christentum und Kirche für sich wiederentdecken und dabei so manche Überraschung erleben. Für das Ganze der Gesellschaft hat dies aber eher große Nachteile. Wo die Gesellschaft nicht durch die christliche Tradition kultiviert wurde, macht sich dies sowohl in ihrem moralischen Klima als auch in ihrer Leichtgläubigkeit bemerkbar, sodass den verschiedensten Ersatzreligionen und Sekten Tür und Tor geöffnet sind.

Die tschechische Gesellschaft ist also nicht so streng atheistisch, wie sie oft präsentiert wird?

Viele Leute bezeichnen sich eigentlich irrtümlicherweise als Atheisten. Im Grunde lehnen sie nur die karikaturhafte Vorstellung von Gott ab, was mich als Christ und Theologe eher freut und worin ich mich mit ihnen einig weiß. Diese Vorstellungen betrachten sie dann fälschlicherweise als Glaube. Dabei hangen sie eher einem bestimmten Typ von Agnostizismus oder einer vagen Religiosität an, die nicht durch Tradition und religiöse Bildung kultiviert wurde. Oder sie interessieren sich ganz einfach nicht für diese Fragen.

Wurde dieser Zustand auch durch andere Einflüsse als die vierzig Jahre  Kommunismus bewirkt?

Die Ursachen liegen nur teilweise in dem vierzigjährigen massiven Staatsatheismus, von dem viele Phrasen und Formulierungen hängen geblieben sind und auch in den Köpfen derer, die sich nie mit dem Kommunismus identifizierten, bis heute noch weiterarbeiten. Der Sowjetkommunismus hatte sich offenbar die Tschechoslowakei als Experimentierfeld für eine totale Atheisierung der Gesellschaft ausgesucht. Wohl nirgendwo anders im gesamten Sowjetblock – mit Ausnahme von Albanien – wurde die Religion so drastisch aus dem öffentlichen Raum gedrängt wie bei uns. Das ist auch darauf zurückzuführen, dass hier schon lange gute geschichtliche und soziologische Voraussetzungen bestanden. Bereits in der Ersten Republik blühten hier Antiklerikalismus und Anti-Katholizismus, der noch ein Überbleibsel der anti-habsburgischen Nationalideolgie und der einseitigen Interpretation der sicherlich komplizierten und tragischen böhmischen Religionsgeschichte war. Die Gesellschaft war in einem erheblichen Maße säkularisiert infolge der Industrialisierung und des Verschwindens der traditionellen ländlichen Kultur und ihrer volkstümlichen Frömmigkeit. Heute sehen wir, dass dieses Experiment erfolgreicher war, als es den Anschein hatte. Nicht zuletzt in Bezug darauf, dass die Kirche auch nach dem Jahr 1989 sehr passiv blieb. Sie tut sich relativ schwer und verhält sich mitunter unerfahren und ungeschickt, wenn sie denn mal den engen Rahmen, den ihr die Kommunisten zugewiesen hatten, verlassen will. Und wenn sie etwas gut macht - z.B. Hospize, Gymnasien, Dienst in Gefängnissen, Krankenhäusern und in der Armee, Hilfe bei der deutsch-tschechischen Aussöhnung und ähnliches - versteht sie es nicht, dies in den Medien entsprechend zu verkaufen. Für die Gesellschaft ist es eigentlich so, als ob das alles nicht wäre.

Die katholische Kirche ist trotzdem immer noch die am stärksten vertretene Kirche in der Tschechischen Republik. Welches Bild macht sich Ihrer Meinung nach die tschechische Öffentlichkeit von ihr?

Ein ähnliches Bild, wie es die vom Nationalsozialismus vergiftete deutsche Gesellschaft zu Beginn des Krieges von den Juden hatte oder wie es die muslimischen Extremisten vom Westen haben: zumeist eine Karikatur, ein einseitiges Feindbild, zusammengestrickt aus Vorurteilen, vorsätzlicher Propaganda und Aufblähung oder Verallgemeinerung tatsächlicher Fehler. So wird die katholische Kirche momentan leider von einem großen Teil der tschechischen Gesellschaft wahrgenommen.

Wodurch wird dieses Bild beeinflusst?

Vierzig Jahre lang wurde den Leuten systematisch eingetrichtert: Kirche, das sind diese fiesen Prälaten aus Vávras filmischer „Hussiten-Trilogie“, die blutrünstig dabei zusehen, wie der Nationalkünstler Zdenìk Štìpánek auf dem Scheiterhaufen stirbt. Die meisten von uns hatten die ganze Zeit ihres Heranreifens überhaupt keine  Chance, mit der realen Kirche zusammenzutreffen. Tausende von Priestern saßen damals in den Kerkern und Konzentrationslagern. Die Religion wurde aus der öffentlich zugänglichen Kultur total herausgedrängt. Noch heute sprechen die Leute, wenn sie von der Kirche sprechen, nicht von dem, was sie kennen, sondern von dem, was ihnen einst im entsprechend angepassten Geschichtsunterricht vermittelt wurde.

Ihrer Meinung nach nehmen die Leute also eher gewisse, mit der katholischen Kirche verbundene Stereotypen wahr?

Bis jetzt ist es üblich, heutigen Katholiken die mittelalterliche Inquisition, die Kreuzzüge und ähnliches vorzuwerfen. Und niemandem fällt ein, dass das ebenso absurd ist, wie den heutigen Juden oder Römern die Kreuzigung Jesu anzuhängen. Dabei dürfte sich wohl kaum eine andere Institution  so konsequent  mit ihrer Vergangenheit auseinandergesetzt haben wie die katholische Kirche. Hier denke ich beispielsweise an die großen Aktivitäten der „Heilung der Narben der Vergangenheit“ während des Pontifikats des großen Papstes Johannes Paul II. 

Nichtsdestotrotz haben auf die Meinungsbildung bezüglich der katholischen Kirche heute auch jene Rechtssachen Einfluss, die beispielsweise mit der Restitution des kirchlichen Vermögens verbunden sind.

Dabei handelt es sich vor allem um das Bild der Kirche in den Medien, also die meisten Skandale und Streitereien um das Vermögen. Die Kirche ist bei uns – wie in vielen liberalen Gesellschaften – der beliebteste Sandsack der Medien. Es ist interessant, dass die heutige tschechische Kirche viele so sehr reizt und sogar Befürchtungen weckt.  Obwohl sie sich eher immer noch extrem in die Ecke verkrochen hat, anstatt sich irgendwie auf aggressive Weise durchzusetzen. Sogar in den breit medialisierten Vermögensstreitigkeiten machen die Medien und die Politiker weitaus mehr Getöse als die kirchlichen Repräsentanten.  

Nach ihren Antworten zu urteilen, sieht es so aus, als ob die katholische Kirche wirklich keinen guten Ruf hat. Hat sie überhaupt eine Chance, die Menschen noch für sich einzunehmen?

Auch dieses grauenerregende Bild der Kirche in den Augen eines großen Teils der tschechischen Gesellschaft kann für die Kirche eine Chance sein. Auch ich habe einst den Weg zur Kirche gefunden, wobei ich überrascht war, wie furchtbar der Unterschied zwischen diesem virtuellen Schreckgespenst und der tatsächlichen - wenn auch natürlich nicht fehlerlosen - Kirche ist! Ich begegnete ihr vor allem in den Persönlichkeiten einer Reihe fabelhafter Priester, die während des Kommunismus die meiste Zeit über wegen ihres Glaubens im Gefängnis saßen. Heute kann ein Priester nur noch damit Punkte sammeln, dass er normal ist. Menschen, die Priester vor allem aus Filmkarikaturen kennen, sind alleine schon davon schockiert und angenehm überrascht. Solange die Kirche einen solchen Reizpunkt darstellt, ist das nicht schlecht. Wenn die Leute außerhalb der Kirche sich so furchtbar darüber aufregen, was der Papst sagt und was die Kirche lehrt, ist das ein gutes Zeichen dafür, dass es ihnen nicht ganz gleichgültig ist, was der Papst und die Kirche sagen. Das ist nicht nur eine Angelegenheit des Einflusses der Medien, dass so viele Leute den Päpsten in unserer Zeit, da dem Papsttum seine weltliche Macht schon lange entzogen wurde,  so aufmerksam zuhören. Und dass das päpstliche Amt trotz aller Kritik und Nichtzustimmung in unserer Zeit eine solche moralische Autorität hat. Das hat es in der ganzen Geschichte noch nie gegeben.

Was kann die katholische Kirche dem heutigen Menschen anbieten?

Vor allem das, was sie schon seit zweitausend Jahren anbietet. Die Verkündigung des Evangeliums, die Vergebung der Sünden, die Sakramente, die Begleitung auf dem spirituellen Weg, gemeinsames Feiern, eine geistliche Familie, die den ganzen Erdball umfasst, und tausendjährige Erfahrungen mit dem menschlichen Herzen. Ist das wenig?

Sollte sich die Kirche aber nicht doch etwas mehr mit aktuellen Themen beschäftigen?

Ich glaube nicht, dass die Kirche der jeweils letzten Mode hinterherhecheln und sich dem „heutigen Menschen“ auf billige Weise anbiedern sollte. Das wollen wir doch lieber den Sekten überlassen. Wer darauf wartet, dass sich die Kirche endlich dahingehend modernisiert, dass sie die Mehrheitsmeinung der Gesellschaft annimmt und gedankenlos und konformistisch als „normal“ wiederholt und damit beispielsweise Abtreibungen, Klonen, hohe Scheidungsraten oder Eheschließungen von Homosexuellen als richtig betrachtet, wird zum Glück vergebens warten. Selbstverständlich bin auch ich absolut der Meinung, dass die Kirche nicht vor allem von diesen Dingen sprechen sollte. Sie sollte besser argumentieren und auch hier eher mehr helfen - beispielsweise alleinstehenden Müttern und einsamen Frauen - als nur zu mahnen. Eine solche konformistische Kirche, die die Mehrheitsmeinung nicht provoziert, wäre zu nichts nutze. Die Kirche ist dazu verpflichtet, auch die unpopulären Zehn Gebote unentwegt zu wiederholen. Obwohl sie weiß, dass sie damit keine Punkte gewinnen wird. Obwohl sie weiß, dass sich die meisten nicht danach richten werden und dass sogar sie selbst mit der getreuen Befolgung dessen, was sie zu verkünden verpflichtet ist, viele Probleme hat, hatte und immer haben wird. Um einmal den Titel eines Filmes zu paraphrasieren, besteht die Kirche nicht aus Engeln, doch hat sie deren Arbeit zu tun. Das heißt, das Wort Gottes, ob es genehm ist oder nicht, zu verkünden.     

Die katholische Kirche hat kein traditionelles geistliches Monopol mehr. Das Interesse an alternativen spirituellen Systemen, an Heilwissen und Esoterik nimmt zu. Womit erklären Sie sich dieses Interesse?

Das ist ein klarer Beweis dafür, dass der Mensch und die Gesellschaft „unheilbar religiös“ sind. Ohne Religion hat noch nie eine Gesellschaft existiert, und es wird wahrscheinlich auch nie eine solche existieren. Dort, wo es eine traditionelle religiöse Kultur ohne jeden Grund unterbrochen, unterdrückt oder diskreditiert wurde, suchen die Menschen verständlicherweise anderswo.

Beispielsweise im Osten…

Ich schätze die Spiritualität des Fernen Ostens sehr. Ich habe Wochen in japanischen buddhistischen Klöstern verbracht, eine Ausbildung bei Zen-Meistern absolviert und mit Gewinn Yoga-Übungen praktiziert. Mit dem Dalai Lama verbindet mich eine jahrelange Freundschaft. Aber gerade deshalb sehe ich, dass die gegenwärtige westliche Esoterik, die sich auf den Orient beruft, zu einem großen Teil eine lächerlich und häufig auch schädliche Karikatur ist. Ich will diese Dinge nicht dämonisieren, wie dies christliche Fundamentalisten tun, doch bin ich hinsichtlich dieser Religionsersätze sehr kritisch. Selbstverständlich ist dies auch eine positive Aufforderung für Christen – wir können den Leuten nicht nur Dogmatik und Religion als ein Kompendium von Verboten und Befehlen anbieten, sondern wir müssen auch die Schätzkammern der christlichen Mystik öffnen, die der östlichen in nichts nachsteht.

Sie sind gleichzeitig auch Psychologe. Ist das Bedürfnis, zu glauben, ein Bestandteil der Psyche?

Ja, der Mensch ist „unheilbar religiös“, darauf muss ich mit C.G. Jung, Viktor Frankl und einer Reihe der Klassiker der Psychologie bestehen. Dort, wo der Mensch die religiöse Dimension seiner Persönlichkeit total verdrängen würde, würde er sich einer geistlichen Lobotomie, einer Selbstkastration, schuldig machen. Selbstverständlich kann dieses „Bedürfnis“ durch die verschiedensten Inhalte und mit einer sehr unterschiedlichen Qualität gefüllt werden – angefangen bei wirklichen Weisheitswegen und Sakramenten, die in den verschiedenen Religionen vorkommen, bis hin zu einer destruktiven Form der Religion und Pseudo-Religion, die ebenfalls in verschiedenen traditionellen und auch in atheistischen Religionen vorkommt, siehe der Glaube der Nazis und der Kommunisten. Ein reiner Atheismus existiert nicht, es existiert nur eine unterschiedlich entwickelte oder bis zu einem gewissen Grad unterdrückte oder deformierte Form der Offenheit des Menschen in Bezug auf das, was ihn übersteigt.

Wie schaut eigentlich die Psychologie auf das Phänomen des Glaubens?

Bei dem, was ich soeben sagte, habe ich viele Psychologen auf meiner Seite, neuerdings vor allem die Richtung der transpersonalen Psychologie. Allerdings gibt es in der Psychologie nichts, über das in der Psychologie absolute Einigkeit herrschte.

Tschechen suchen immer mehr die Hilfe von Psychologen und Psychiatern auf. Glauben Sie, dass dies auch auf den hohen Prozentsatz der Nicht-Glaubenden zurückzuführen ist, beziehungsweise auf eine gewisse Abwendung von den traditionellen Werten, die mit der Kirche verbunden sind?

Das hängt sicherlich damit zusammen. Hier würde mir nicht nur Jung, sondern auch der alte Atheist Freud mit seiner Theorie der „Kollektivneurose“ Recht geben. Doch machen sich hier auch andere Stressmomente und Zivilisationskrankheiten bemerkbar. Aber das gilt nicht alleine für Tschechen, sondern für den ganzen Westen.

Religion kann also positive Auswirkungen auf die psychische Ausgeglichenheit des Menschen haben?

Gesunde Spiritualität und Frömmigkeit verhelfen dem Menschen dazu, „normal“, ausgeglichen und gesund zu sein. Pathologische Formen der Religion schaden den Menschen oder töten sie sogar. Gesunde und pathologische Züge der Frömmigkeit können praktisch in jeder Religion vorkommen. In den traditionellen Formen, in dem, was wir manchmal als Sekten bezeichnen, ist das Vorkommen pathologischer Formen wahrscheinlicher und häufiger als in den traditionellen, von tausendjährigen Erfahrungen abgeschliffenen Kirchen und Religionen.

Übernimmt der Psychologe nicht doch ein wenig die traditionelle Aufgabe des Priesters?

Weniger, als man gemeinhin denkt. Der priesterliche Dienst überschneidet sich mit der Psychologie nur in einem relativ engen, nichtsdestotrotz aber wichtigen Bereich. Insbesondere die Beratung in Krisensituationen. Doch der Priester verfügt im Unterschied zu einem Psychologen über noch viele weitere und viel effektivere therapeutische  Mittel, wie etwa die Sakramente, die Liturgie, die Einführung in das Gebetsleben und Meditation, und sogar die Predigt, die Auslegung der Bibel. Ein Priester, der die ihm anvertrauten Werte weise und mit großem Eifer mit Glauben anwendet und sich nicht in die Rolle eines Sozialarbeiters hineinmanövrieren lässt, kann weder durch einen Psychologen noch von einem anderen wie auch immer gearteten Experten ersetzt werden. Es ist jedoch leider auch wahr, dass nicht wenige Priester mit diesen Werten insofern manipulieren, als sie diese und sogar sich selbst eher diskreditieren und den Menschen mit ihnen sogar schaden. Siehe dumme Predigten, mechanischer Ritualismus beim Gottesdienst oder unkluge Druckausübung im Beichtstuhl.

Sie vereinigen in Ihrer Person zwei Rollen, die sich im allgemeinen Bewusstsein eher ausschließen –  die des Wissenschaftlers und die des Geistlichen. Kann man diese beiden Rollen eigentlich kombinieren?

Die größte Leistung des Verstandes ist es, seine eigenen Grenzen zu erkennen und sich dem Paradoxon und Geheimnis des Nichtbegreifbaren zu beugen. Dies wusste im 17. Jahrhundert schon der geniale Wissenschaftler und religiöse Denker Blaise Pascal. Die Zeit der Konflikte zwischen Wissenschaft und Glauben zu Beginn der Neuzeit liegt schon lange hinter uns. Das heutige Gezänk der „Kreationisten“ und der radikalen Darwinisten des Typs Dawkins sind nur ein peinliches Relikt dieser Vergangenheit. Glücklicherweise  gehört auch die frühere kompromittierende Verflechtung von Religion und Macht schon lange der Vergangenheit an. Die noch gefährlichere Verbindung einer bestimmten Art von wissenschaftlicher Forschung mit der Macht und den finanziellen Interessen nimmt aber leider eher zu.

Rationalität und Glaube gehen Ihrer Meinung nach also Hand in Hand?

Heutzutage sind der christliche Glaube, insbesondere die katholische Theologie, und die Wissenschaft Verbündete und gemeinsame Verteidiger der Rationalität gegen die Flut der esoterischen modischen Irrationalität und gegen Fundamentalismus aller Art. Dies betonen der derzeitige Papst und eine Reihe von Philosophen und Wissenschaftlern und auch Nichtchristen, wie etwa Habermas. Ich gehe mit Johannes Paul II konform, dass ein Glaube ohne Verstand gefährlich wäre. Ähnliche einseitig  und von daher gefährlich wäre eine Rationalität ohne spirituelle und ethische, aus dem Glauben entspringende Dimension. Ich glaube, dass uns diesbezüglich heutzutage viele Wissenschaftler zustimmen, die sich beispielsweise der großen Gefahr des Missbrauchs einer Wissenschaft bewusst sind, die die ethischen Regeln ignoriert.

Was hat Sie denn nun dazu veranlasst, die Aufgabe des Wissenschaftlers mit der des Priesters zu verbinden?

Für meine Entscheidung, das Priestertum mit einem zivilen Beruf und mit der Wissenschaft zu verbinden, war das Beispiel des großen religiösen Denkers und hervorragenden Naturwissenschaftlers, des Jesuiten Teilhard de Chardin, sehr inspirierend.  Als ich von ihm den Satz las, dass neben dem Experiment der französischen Kirche - dem „Priester-Arbeiter“ - auch das des Priesters, der in einem wissenschaftlichen Umfeld Zeugnis abgibt und arbeitet, notwendig sein wird, sagte ich mir: Das ist es! Das Priestertum in Verbindung mit einem Zivilberuf und mit Wissenschaft war nicht nur eine erzwungene Kombination in den Jahren der Illegalität, sondern ich halte das auch heute noch bewusst bei.

Sie haben relativ spät beschlossen, Priester zu werden, und noch dazu in den Jahren der „Illegalität“, wie Sie sagen, die für die Kirche sehr kompliziert waren. War dies ein langer Prozess?

Das war wirklich ein langer Weg. Zunächst vom Atheismus zum philosophischen Glauben. Dann von den Vorurteilen gegen die Kirche zu einer persönlichen Erfahrung mit hervorragenden Christen, insbesondere mit weisen, gebildeten und tapferen Priestern. Ja, ich wollte sein wie sie, die ich aus der Nähe kennen gelernt hatte. Die Priester Reinsberg, Mandl, Mádr, Dvoøák, Bouše oder etwa Josef Zvìøina, der sowohl von den Nazis als auch von den Kommunisten inhaftiert wurde, später dann Unterzeichner der Charta 77 und Mitglied des Bürgerforums, ein großer Theologe und unerschrockener Kämpfer für die bürgerliche Freiheit. Ich wurde Priester einer Kirche, der das gesamte Vermögen und jeder gesellschaftliche Einfluss genommen worden war. Eine verfolgte Kirche.  Selbstverständlich bin ich für meine Tätigkeit als Priester nie irgendwie bezahlt worden, und ich habe mir auch nie Gedanken darüber gemacht, dass dies anders sein könnte. Ich ging nicht davon aus, die Freiheit der Kirche noch zu erleben, eher musste ich damit rechnen, dass mir die Geheimpolizei früher oder später auf die Schliche kommen und mich auf die eine oder andere Weise liquidieren würde. Ich habe nur dafür gebetet, dass dies nicht so bald geschehen möge, damit ich noch etwas abarbeiten könnte.

Wie machte sich die Verfolgung seitens des Regimes bemerkbar?

In der Zeit der Normalisierung, als ich in der Untergrundkirche wirkte, hatten die Kommunisten schon kapiert, dass der drastische Typ der Verfolgung aus den fünfziger Jahren, als Tausende von Gläubigen eingesperrt und Priester hingerichtet und in Konzentrationslager gesteckt wurden, die Kirche nicht brechen konnte. Sie gingen daher zu sanfteren Formen über, die aber auch raffinierter waren. Über uns schwebte ständig der Paragraph „Vereitelung der staatlichen Kontrolle über die Kirchen“, der jederzeit auf jeden für alles zutreffen konnte.

Ging die staatliche Geheimpolizei zu irgendeinem Zeitpunkt zu gewaltsamen Aktionen über?

Es gab die bis heute nicht aufgeklärten, als Selbstmorde maskierten Morde von geheim geweihten Priestern – der Fall Coufal und ähnliche. Als ein Freund, Dr. med. Kašparù, zu mir kam und mir von Coufals Tod berichtete und mich fragte, ob ich Angst hätte, dass etwas Ähnliches auch mir passieren könnte, antwortete ich ihm: „Das glaubst du doch wohl, dass ich Angst habe. Aber ich pfeife drauf.“ Glücklicherweise hielt unsere Untergrundgruppe die strengen Grundsätze der Konspiration ein, unter uns fand sich kein einziger Judas. Daher habe ich außer den gängigen Schikanen – Verhöre, Post- und Telefonkontrolle, das Verbot, an der Universität zu wirken, ins Ausland zu reisen – nichts Besonderes am eigenen Leibe erlebt. Aus dem Archiv geht hervor, dass die Staatssicherheit so manches von meinen Beziehungen zur Untergrundkirchen und zu den Dissidenten, einschließlich Václav Havels, wusste, aber offensichtlich gelangten keine Beweise über mein Priestertum in ihre Hände.

Inwiefern spielte eine gewisse Revolte gegen das kommunistische Regime bei Ihrer Entscheidung, Priester zu werden, eine Rolle?

Dass mir zur Suche nach Gott und Kirche auch eine grundlegende Abneigung gegen den aufgezwungenen kommunistischen Atheismus behilflich war, ist sicher. Aber es ging nicht nur darum.

Was ist Ihrer Meinung nach das Schlimmste am Leben unter einem totalitären Regime?

Es bricht den Charakter, es zwingt zur ständigen Verstellung, zu einem Leben mit einer Maske. Dass es schwächere Charaktere zu immer größeren moralischen Kompromissen und zu einem absoluten Absterben des moralischen Gewissens verführt, wobei dieses Absterben weiter andauert.

Was empfanden  Sie, als das kommunistische Regime endlich zusammenbrach?

Ich kann mich noch an den Moment erinnern, als Kardinal Tomášek bei der Messe in der Kathedrale kurz vor der entscheidenden Manifestation auf dem Letná-Plateau sagte: „ In diesem Schlüsselmoment unserer Geschichte stehe ich und auch die katholische Kirche auf der Seite des Volkes!“ Ich diesem Moment fühlte ich, dass mein langgehegter Wunsch wahr wurde, dass die Mauer der Vorurteile, der Feindschaft und der alten Schuldzuweisungen in Beziehung zu Kirche und Volk endlich fällt. Leider dauerte dies nicht lange an. Als ich nach dieser Letná-Manifestation begriff, dass der Kommunismus jetzt endlich zusammenstürzt, empfand ich einen phantastischen Freudentaumel über die errungene Freiheit. Aber auch Trauer darüber, dass meine Eltern und Millionen anderer Menschen, denen der Kommunismus das Leben versaut hatte, das nicht mehr erlebten. Außerdem empfand ich eine unglaubliche Neugierde, wie wir mit dem Geschenk der Freiheit wohl umgehen würden, wie es weitergehen wird. Diese Neugierde hat mich – trotz aller Versuchungen zu pessimistischen Antworten – nicht verlassen.

19.September 2008, Martin Babic, www.czech.cz

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