E s s a y s

IST DAS EUROPA VON HEUTE UNCHRISTLICH UND UNRELIGIÖS?

Im ersten Jahr des neuen Milleniums habe ich eine seltene Gelegenheit gehabt, in dem inspirierenden Milieu der Universität in Oxford ruhig nachdenken, schreiben, lesen und vortragen zu können. Meinen ersten Vortrag über die Beziehung zwischen Religion, Kultur und Politik in Mitteleuropa habe ich im Rahmen von captatio benevolentiae mit der Anmerkung über die Bande zwischen Prag und Oxford, zwischen Böhmen und Britannien angefangen. Aus Oxford und aus Prag, von Wicleff und von Hus, sind die ersten Impulse der Bewegung hervorgegangen, die in ihren Konsequenzen die religiöse und politische Karte Europas geändert haben. Religiöse Leidenschaften gingen durch Jahrhunderte unserer Geschichte hindurch. Heute werden beide Länder zu den religiös eher gleichgültigen, stark säkularisierten Ländern gezählt. Am allen Anfang des dritten christlichen Jahrtausends hat der Erzbischof von Canterbury England als ein völlig entchristlichtes Land bezeichnet; die Ergebnisse der Volkszählung in Tschechien wurden wiederum so interpretiert, dass wir zusammen mit der ehemaligen DDR wohl das am wenigsten religiöse Land der Welt sind. Zeigen Böhmen und England wieder die Richtung, in die früher oder später auch andere Länder des Westens gehen? Ist es jetzt nicht so, dass sich trotz aller Bemühungen um eine "neue Evangelisierung" vor allem Müdigkeit und Resignation im europäischen Christentum immer mehr verbreiten? Ist Europa bereits heute unchristlich und unreligiös?

Meine Antwort auf diese Frage und die grundlegende These dieser Überlegung heißt wie folgt: Das Europa von heute ist weder unchristlich noch unreligiös. Es ist in gewissem Sinne christlich und in gewissem Sinne religiös. Es ist jedoch nicht christlich religiös. Christentum ist nicht mehr die Religion Europas, und unser europäisches Christentum ist keine Religion mehr.

Es ist offensichtlich, dass diese These mancher Spezifikation und Klärung bedarf. Europa ist wenigstens in dem Sinne nicht unchristlich, dass die europäische Kultur durch das Christentum wesentlich geprägt wurde, und dass viele Menschen auch heute - egal ob sie sich für christlich gläubig halten oder nicht - in mancher Hinsicht aus diesem Erbe leben. Außerdem bekennt sich eine nicht geringe Anzahl von Europäern explizit zum christlichen Glauben, obwohl sich manche von ihnen weniger mit den Kirchen identifizieren und obwohl die christlichen Institutionen in Gesellschaft und im Leben von Einzelnen eine andere Rolle spielen, als es in der Vergangenheit der Fall war.

Ich halte Europa nicht für unreligiös; ich bin davon überzeugt, dass die Religion eine kulturelle und anthropologische Konstante darstellt, eine Dimension des Lebens des Einzelnen und der Gesellschaft, die sicherlich durch unterschiedliche Inhalte erfüllt oder vorübergehend geschwächt werden kann, die sich in der Geschichte verwandelt, die jedoch nicht verschwindet. Wenn wir mit dem Wort Religion "ultimate concern" meinen, die Beziehung zu den "letzten Werten" und zum "letzten Geheimnis", bzw. die spirituelle Ebene des Lebens allgemein, dann ist sicherlich festzustellen, dass zwischen diesem Interesse und dem, was die Kirchen überwiegend anbieten, eine tiefe Kluft besteht, und dass die Weisen, wie dieses Interesse artikuliert und erfüllt wird, heute oft anders sind als in der Vergangenheit. Wir müssten jedoch blind sein, wenn wir behaupten möchten, dass dieses Interesse in Europa ganz erloschen ist.

Den Begriff Religion wird in diesem Vortrag überwiegend in einer anderen Bedeutung verwendet - als die Kraft, die die Gesellschaft integriert. Zusammen mit vielen anderen Autoren behaupte ich nicht, dass "die Religion die Gesellschaft integriert", sondern dass das, was die Gesellschaft integriert, ihre Religion ist. Für die Religion in diesem Sinne verwende ich das Wort "religio", den ursprünglichen lateinischen Ausdruck, aus dem sich die Bezeichnung für Religion in den meisten europäischen Sprachen entwickelt hat. Diese Auffassung der Religion hat ja nicht erst die funktionalistische Richtung in der zeitgenössischen Soziologie eingeführt, sondern sie steht dem ursprünglichen Sinne nahe, den das Wort "religio" dort gehabt hat, wo es entstanden ist, nämlich im antiken Rom. Wenn ich behaupte, dass die Religion des heutigen Europas nicht mehr der christliche Glaube ist, und dass der christliche Glaube nicht mehr "Religion" ist, benutze ich den Begriff Religion gerade in diesem Sinne - als religio.

Dabei sei auf die umfangreiche religions- und sprachwissenschaftliche Literatur hingewiesen, die belegt, dass es zu diesem Wort in den außereuropäischen Sprachen kein direktes Äquivalent gibt. Das europäische Konstrukt der Religion ist den außereuropäischen Kulturen fremd. Die Vorstellung, dass es die "Religion" als genus gibt, dem unterschiedliche species zu subsumieren sind - Christentum, Islam, Buddhismus, Hinduismus etc. - ist ein relativ modernes, typisch aufklärerisches Konstrukt. Die europäischen Aufklärer haben in ihrer Leidenschaft für eine übersichtliche Klassifizierung der Erscheinungen vorausgesetzt, dass es in jeder Kultur "so was wie Christentum" geben muss und an dieses Bild haben sie ihre "meistens dürftigen und streitigen" Informationen über Rituale, Überzeugungen und geistige Kulturen der Eingeborenen in unterschiedlichen Teilen der Welt angepaßt. Nach dem Muster der damaligen Gestalt und der Auffassung des Christentums haben sie Konstrukte gebildet, die schliesslich manchmal auch jene außereuropäischen Völker übernommen haben. (Eine nette Geschichte dazu erzählt in einem seinem Aufsatz Umberto Eco: Kürzlich hat er einen kleinen Jungen in Afrika gefragt: Bist du Muslime? Der Junge hat geantwortet: Nein, ich bin Animist. Kein Animist, so Ecco, behaupte von sich selbst, er sei Animist, es sei denn, er habe Sorbona absolviert. Und erklärt es: im letzten Jahrhundert pflegte ein französischer Anthropologe nach Afrika zu fahren, dem die bereitwilligen Eingeborenen über ihre Gewohnheiten und Traditionen unterschiedliche, oft jedoch ganz zweifelhafte Sachen erzählt haben, nachdem sie geschätzt haben, was er hören möchte. Nach Paris zurückgekehrt, hat er ein durchdachtes System daraus gemacht, das er als Animimus bezeichnet hat. Von ihm und von seinen Schülern haben die afrikanischen Ethnologen dieses Konstrukt und die Terminologie übernommen - und die Folge ist, dass der kleine Junge in dem afrikanischen Dorf sich selbst als Animisten bezeichnet.

Die Theologen im 17. Jahrhundert in Cambridge haben in der Polemik mit dem Katholizismus, den sie mit der heidnischen Idolatrie vergleichen wollten, die Begriffe wie Theismus, Monotheismus, Polytheismus erfunden oder populär gemacht. In ihrer edlen Bemühung, die religiösen Streitigkeiten zu überwinden, haben sie die Theorie ausgedacht, dass der religiösen Pluralität so was wie eine gemeinsame, vernünftige "natürliche Religion" hervorgegangen ist, zu der wir zurückkehren müssen. In dem darauf folgenden Jahrhundert hat Jean J. Rousseau die "Zivilreligion" verkündet - einige einfache Grundsätze, auf denen sich alle einigen könnten, um eine zuverlässige Basis für die aufgeklärte Gesellschaft und Staat zu schaffen. Eine Version der "Zivilreligion" versuchten dann die Jakobiner zur Zeit der Französischen Revolution einzuführen, eine andere hat Comte für die Gesellschaft vorgeschlagen, die das religiös-mythische und metaphysische Stadium überwunden hat und die nur noch auf den Grundsätzen der positiven Wissenschaft beruht. Wieder eine andere - die amerikanische Version von "civil religion" untersuchen die Soziologen und Politologen als "implizite Religion" und als den grundlegenden Rahmen des Selbstverständnisses und der Selbstdefinition der amerikanischen Gesellschaft, Kultur und Politik.

Der bereits erwähnte römische Begriff religio steht in mancher Hinsicht der modernen "civil religion" nahe. Es handelte sich jedoch nicht überwiegend um Überzeugungen (belives), sondern es ging primär um den richtigen Ritus. Der Begriff religio ist zum ersten Mal in der Zeit der punischen Kriege anzutreffen. Damals wurde im römischen Senat darüber diskutiert, ob der Staat als Hilfe im Kampf gegen Hannibal einige fremde Kulte anerkennen und übernehmen sollte. Wichtig ist jedoch die spätere bekannte Definition von Cicero: religio est deorum culto pio. Religio hat hier nicht viel mit der Spiritualität, mit der Innerlichkeit oder mit dem Nachdenken über Sinn und Grundlage des Lebens gemeinsam - damit soll sich die Philosophie befassen. Religio besteht vor allem im richtigen Ritus gegenüber den richtigen (d.h. den vom Staat anerkannten) Göttern. Es ist ein Zeichen der Loyalität des Bürgers gegenüber dem Staat, Erfüllung der Pflichten, Beziehung zur sakralen Basis der Gesellschaft. Die Götter abzulehnen, die der Staat anerkennt - das war in der antiken Welt doch ein peinliches politisches Verbrechen (wofür in Athen Sokrates und in Rom die Urchristen bestraft wurden).

Cicero nennt zwei Gegensätze: RELIGIO und SUPERSTITIO. Superstitio definiert er als eine "unvernünftige Furcht vor Göttern" (wir würden diesen Begriff viel mehr als Aberglaube übersetzen). Der britische Religionswissenschaftler Eric Sharp belegt, dass der Begriff religio in der Antike "unsere Religion" bedeutet, während superstitio eine mißachtende Bezeichnung für die Religion der anderen ist.

Das Judentum und das Christentum werden in Rom natürlich als superstitio verstanden - und zwar umso gefährlicheres weil es nach Atheismus riecht - sie verfügen über keinen Gott, der in das römische Pantheon einzugliedern wäre, Gott, der ein Gesicht, einen Namen und eine klare Kompetenz hätte. Das Christentum versteht sich selbst am Anfang als einen Weg, den Weg der Nachfolge Jesu von Nazareth als Herrn, Erlöser, Messias und Sohn Gottes. Aus der jüdischen Tradition hat das Christentum an das Motiv des Glaubens als Vertrauen angeknüpft, einer persönlichen Beziehung zu Gott - nun durch Christus als den "neuen und lebendigen Weg". Bereits im Neuen Testament sind unterschiedliche Akzente zu finden - für die einen bedeutet der Glaube vor allem, "im Herzen zu glauben und durch den Mund zu bekennen", sich ausschließlich auf Gnade und Erbarmen Gottes zu verlassen, während die anderen die Wahrhaftigkeit des Glaubens nach der Praxis der Solidarität und der Menschenliebe bewerten. Für die einen wie auch für die anderen ist der Glaube jedoch etwas ganz anderes als religiöse Praxis des Opferrituals und der Erfüllung der Gebote des Gesetzes.

Die religio der Antike, die rituelle Praxis der Römer, ist für die Christen sowie für die Juden eine Idolatrie, und manche entscheiden sich lieber für den Tod, als an dieser Religion Anteil zu haben. Der Begriff religio wurde in den nachfolgenden Jahrhunderten zwar auch für das Christentum geläufig, es wurde jedoch lange per analogiam verwendet und mit einer Art Vorbehalt: es handelt sich hierbei nicht einfach um "Religion" oder um "eine der Religionen", sondern um die "vera religio". Das heißt, dass die bisherigen religiones im Vergleich mit dem Christentum nur Karikatur oder Schatten darstellen, höchstens ein Vorbild. Als Augustinus seinem Traktat den Titel "De vera religione" gegeben hat, wollte er darin nicht den christlichen Glauben als die wahre Religion behandeln, sondern er stellte sich die Frage, welche Beziehung zu Gott die richtige ist. Der Begriff religio bekommt dadurch eine neue Dimension der Innerlichkeit, und zwar durch Einfluss des christlichen Glaubens und der neuplatonischen mystischen Suche und des Erlebens der Vereinigung mit dem Einen, dem wahren Sein. Die mitteleuropäische Theologie hat den Begriff fides vielmehr für den Akt und den Gegenstand (Inhalt) des Glaubens verwendet. Der Begriff religio hat eher eine moralisch-juristische Bedeutung gehabt und wurde im Zusammenhang mit der Tugend der Gerechtigkeit erwähnt: Es bedeutet, den Gott recht zu verehren, ihm das zu geben, was ihm mit vollem Recht gehört. Eine andere Bedeutung des Wortes religio ist Bezeichnung eines speziellen Standes innerhalb der Kirche: der Mönche, Ordensleute. Religio, religiosi, religiones bedeutet (ähnlich wie in einigen modernen Sprachen bis heute - religious) Ordensleute und Orden.

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Wenn wir die Geschichte von Rom betrachten, sehen wir auch, wie das Christentum im nachkonstantinischen Rom nach und nach die sozial-politische Rolle von religio übernommen hat. Die Kirche wurde zu einer Institution, die neben der Glaubensverkündung auch die "sakrale Ordnung" repräsentiert und verwaltet, die die Gesellschaft zusammenhält. Der Papst stellt eine eher juristische Autorität dar; die charismatischen geistigen Führer und inspirierenden Innovatoren haben viele Bewegungen ins Leben gerufen. Einige von ihnen haben auf dem Schafott geendet, die anderen wurden - oft nach einem mit Konflikten und Unbill erfüllten Leben - heilig gesprochen, und ihre Bewegungen wurden - im Gegensatz zu der ursprünglichen Absicht des Gründers - institutionalisiert und so - meistens in Gestalt von religio als Orden - reguliert und in die Kirche und in die Gesellschaft integriert. Es entsteht eine große Synthese, aus der sich erst viel später die einzelnen Elemente und Lebensbereiche ausgliedern und verselbstständigen, die als Politik, Wirtschaft, Kultur oder Religion bezeichnet werden. Religio war im Laufe des ganzen Mittelalters eine Art materia matrix von allen Aspekten des gesellschaftlichen Lebens, Baldachin (wie es P. L. Berger nennt - sacred canopy), eine alles bedeckende und umgebende heilige Aura.

In der Situation, in der der christliche Glaube die Rolle von religio übernommen hat, ist Europa, die christliche Zivilisation - christianitas entstanden. Der Glaube als religio ist kulturell produktiv und wurde in mancher Hinsicht mit großartigem Erfolg gekrönt. Wir müssen jedoch auf die romantisch-nostalgische Illusion aufpassen: es ist nicht eindeutig, ob diese Ära der erfolgreichen und expandierenden christlichen Religion als "goldene Ära des Glaubens" zu bezeichnen ist. Detaillierten Sonden ist zu entnehmen, dass vor allem eine bestimmte Schicht der Gesellschaft tatsächlich "christianisiert" und "evangelisiert" war. Das war die Schicht, die die (vor allem literarische) Kultur aktiv gestaltet hat, und nach der wir uns ein Bild von der ganzen Gesellschaft machen, während das christliche Ethos und die christliche Spiritualität in den Lebensstil der breiten Schichten keineswegs intensiv eingedrungen sind.

Analog ist es heute mit der Globalisierung - die Globalisierungstheorie widerspiegelt ebenfalls vielmehr den Lebensstil von Intellektuellen, Unternehmern und Medienmitarbeitern, während sich das Leben der meisten Bewohner dieser Welt in ganz engen lokalen Schränken abspielt. Wenn das Schlagwort "christliches Europa" (oder das Schlagwort "Globalisierung") jedoch zum kulturell-politischen Mythos wird, beginnt es eigenes Leben zu leben. Die Ideologie als self-fulfilling-profecy beginnt das Selbstverständnis von Millionen zu beeinflussen (so wie der kleine afrikanische Junge in Folge der aus Europa importierten Vorstellungen sich selbst als Animisten bezeichnet).

Die Religion hängt ganz wesentlich mit der Macht zusammen - es handelt sich jedoch nicht nur und vor allem um die "politische Macht", es handelt sich eher um die Macht der Sprache, ihre Fähigkeit, die gemeinsame Erfahrung, das Wissen und die Gefühle zum Ausdruck zu bringen, die die Mehrheit der Gesellschaft teilt. Religio als gemeinsame Sprache steht dem nahe, was Michel Foucalt das "Regime der Wahrheit" nennt.

Am Anfang der Neuzeit verliert das Christentum - nun vor allem durch die Theologie, Orthodoxie präsentiert, die durch die streng hierarchisierte Institution der Kirche getragen, verteidigt und repräsentiert wurde - an Macht. Es verliert die Fähigkeit, auch weiterhin die einigende Sprache zu sein, die im Stande ist, das überwiegende Wissen und Empfinden der Menschen adäquat und glaubwürdig zum Ausdruck zu bringen. Das hat natürlich viele Ursachen - die Spaltung des Westens nach der Reformation, Diskreditierung der Kirchen durch die religiösen Kriege, Unfähigkeit der Theologie, Impulse aus der aufblühenden Naturwissenschaft, der humanistischen Textkritik und aus der neu erlebten Körperlichkeit und Individualität der Renaissance zu integrieren usw. Es ist kein Zufall, dass die christianitas die Rolle der gemeinsamen Sprache in der Zeit zu erfüllen aufhört, als die Reformatoren die Bibel in die nationalen Sprachen übersetzt und die nationale Sprache in der Liturgie propagiert haben, als nach und nach die Nationalstaaten entstanden sind und das nationale Bewusstsein geweckt wurde - in dem Prozess, dessen latente Anfänge in das fünfzehnte Jahrhundert zurückgehen, dessen Wendepunkte der Dreißigjährige Krieg und die Französische Revolution darstellen, der im neunzehnten Jahrhundert seinen Höhepunkt erreichte und der in den Kriegen des zwanzigsten Jahrhunderts ausging. Die Säkularisierung bedeutet gerade dies: die christliche Religion wird aus einer lebendigen Sprache zur toten Sprache, so wie Latein nicht mehr Medium der kulturellen Kommunikation ist (obwohl seine Benutzung sicherlich auch früher auf bestimmte Stände begrenzt war) und wird eher zum Gegenstand des akademischen Studiums und schliesslich nur noch zum Ornament bei bestimmten Feiern oder bei Spezialistenkonferenzen.

Weder der christliche Glaube, noch die Religion verschwinden, sie gingen bloß auseinander und gehen inzwischen eigene Wege. So wie die meisten Scheidungen und Scheidungsprozesse ist nicht einmal diese Trennung im einzigen Augenblick entstanden, sondern sie hat latente Phasen, offene Streitigkeiten und einen entweder bitteren oder befreienden Ausgang. Und außerdem gibt es ganz unterschiedliche Versionen dieser Geschichte: anders haben die christlich gläubigen Autoren den ganzen Prozess beschrieben, anders diejenigen, die in dem leer gewordenen Raum von religio Platz genommen haben.

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Seit dem 17. Jahrhundert ist die Wissenschaft die dominante religio des Westens. In den Augen der Aufklärer und ihrer Erben scheint der christliche Glaube (sei es als Volksreligion, mystische Kontemplation oder Methaphysik und abstrakte Theologie) superstitio zu sein - ein Aberglaube, die Religion der anderen, der Zurückgebliebenen. Der christliche Glaube bekommt Status einer Weltansicht, einer der Ideologien. Die Wissenschaft wird zum Arbiter der Wahrheit, das Wort "wissenschaftlich" steht langsam für "wahrheitsgemäß, tatsächlich, glaubwürdig". Der öffentliche Raum wurde durch die Wissenschaft beherrscht, der Glaube zieht sich ins Exil zurück. So wie der besiegte Napoleon auf die Insel Elba ausgewiesen wurde, wird nach dem Sieg der wissenschaftlichen Rationalität nach einem ruhigen Platz für den Glauben gesucht. Kant hat dem Glauben die Insel der Moral zugewiesen, die Romantiker die Ecke des Gefühls. Europa ist aber inzwischen ein Erdteil der Vernunft. Religio beruht auf dem "Gesellschaftsvertrag", die Religion ist stets eine gemeinsame und gesellschaftliche Sache; das neuzeitliche Christentum - wenn wir die Entwicklung seit Luther über Pascal zu Kirkekaard in Betracht ziehen - wird jedoch immer mehr individuell.

Die Lebenswelt der traditionellen Religion ist die "Gemeinschaft" (kleine Gemeinschaft, die enge persönliche Bindungen zusammenhalten). Nach dem Übergang von der Gemeinschaft zur Gesellschaft (zur Gesellschaft, die industrielle Großstadt, Anonymität und bürokratische Beziehungen charakterisieren) wird neben der Wissenschaft auch die kapitalistische Wirtschaft, der Marktmechanismus zur integrierenden Kraft (religio). Der Glaube wird individualisiert und später privatisiert (sie rückt in das Privatleben und wird zur "unsichtbaren Religion") oder sucht die spezifische "Gemeinschaft" in der kirchlichen Gemeinde, die jedoch nicht mehr der natürlichen lokalen Gemeinde entspricht. Bis auf die immer seltenen traditionell gläubigen Dörfern spielt sich das Leben des Glaubens in den Pfarreien und Gemeinden ab, wo die Menschen inzwischen nicht mit allen Nachbarren zusammenkommen, sondern nur mit einigen, und zwar mit denjenigen, die zur gleichen Denomination gehören.

Durch die Ausgliederung der Kirche aus dem Ganzen der Gesellschaft ist es zur "Verkirchlichung" des Glaubens gekommen. Auch in der Theologie rückt die Kirche nach und nach in den Vordergrund. Nach den Traumaten der jakobinischen Phase der Französischen Revolution wird die römisch-katholische Kirche im 19. Jahrhundert zur Hochburg der Resistenz gegen den Modernisierungsprozess - vor allem gegen die politische Modernisierung - Europas. Sie bildet - praktisch bis zum II. Vatikanum in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts - eine Art "parallele Polis", die wohl die Dokumente des I. Vatikanums am besten zum Ausdruck bringen, sowie der Syllabus vom Pius IX. oder der Grundsatz vom Pius XI. "gegen Partei Partei, gegen Verein Verein, gegen Presse Presse". Nach der religiösen Trennung Europas und nach dem durch die Mentalität der Moderne getragenen großen Schisma zwischen der Theologie und den Naturwissenschaften (ein symbolisches traumatisierendes Ereignis stellt in diesem Zusammenhang der Prozess mit Galilei dar) verliert das kirchliche Christentum den Charakter der "Katholizität", der Allgemeinheit (wenigstens im kulturell-politischen Sinne des Wortes), und verliert auch seine bisherige Stellung als religio. Im 19. Jahrhundert entsteht der "Katholizismus" als eine spezifische kulturell-politische Erscheinung (die in der Theologie durch die Neuscholastik verkörpert wird und derer Hauptsymbol das Dogma über die Unfehlbarkeit des Papstes ist). Für die konservativen und autoritären Kräfte in Europa wird der "Katholizismus" wieder zu einer Art "religio" - es ist jedoch nur noch Kontra-religio.

Die Betonung der Denomination wächst zusammen mit der Betonung der "Nationalität", der bürgerlichen Zugehörigkeit zum Nationalstaat. Die Zugehörigkeit zum Nationalstaat und zur bestimmten Denomination überlappen sich in einigen Fällen, und es entsteht eine besondere Form der nationalen Religiosität (z.B. in Preußen). Als nationale Religiosität ist auch die Situation zu betrachten, wo die Kirche und die romantische Verbindung der Religiosität und des Patriotismus die nationale Identität verteidigen, die keine Möglichkeit hat, sich im politischen Rahmen des souveränen Nationalstaates zu verwirklichen (vor allem in Polen). In den romantischen Anfangsphasen der "nationalen Wiedergeburt" und des politischen Nationalismus in Europa der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren das patriotische und das religiöse "Gefühl" oft verbunden. Dort, wo die Kirche allzu sehr mit der autoritativen politischen Macht verbunden ist (in Italien zur Zeit Garibaldis und in Böhmen unter der österreichischen Dynastie) emanzipiert sich der Nationalismus nicht nur von der Kirche, sondern oft auch vom christlichen Glauben und wird zur "Religion" sui generis. Zu einem seltsamen Rückfall des Nationalismus als Ersatzreligion kommt es in Europa nach dem Zusammenbruch des Kommunismus, und wohl auch heute, wenn es darum geht, instinktiv oder bewusst ein Gegengewicht des "Subglobalisierungsprozesses" der europäischen Integration zu schaffen.

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Im Laufe des 20. Jahrhunderts hat die Wissenschaft die Rolle der religio verloren. Sie wird allzu kompliziert, spitzfindig, spezialisiert und hoch abstrakt, als dass sie die "gemeinsame Sprache" sein und die übliche Erfahrung und das Lebensgefühl zum Ausdruck bringen könnte. Die gegenwärtige Physik oder Biologie sind für die absolute Mehrheit heutiger Menschen genauso abstrakt und begrifflich, wie für die Menschen der Renaissance die spät mittelalterliche Scholastik. Auch die Theologie blieb jedoch trotz des seltsamen Aufschwungs für die meisten modernen Europäer eine "tote Sprache" und das kirchliche Christentum war trotz aller Reformversuche im zwanzigsten Jahrhundert nicht im Stande, die Rolle einer integrierenden Kraft der europäischen Gesellschaft zu spielen.

Die andere "religio" der späten Neuzeit, Kombination der kapitalistischen Wirtschaft mit dem demokratischen politischen System, ist in den Dreißigerjahren in eine schwere Krise geraten - und da versuchten zwei politische Ideologien die Rolle von religio zu spielen: der hitlersche Nationalsozialismus und der stalinsche Bolschewismus. Diese beiden "politischen Religionen" wollen eine sakrale Grundlage der neuen Weltordnung sein, sie verehren ihre Märtyrer, schulen Missionare, gestalten Liturgie, Dogmatik, Mystik, Feiertage und Hierarchie. Ihre Inquisition hat es innerhalb von einigen Jahrzehnten geschafft, mehr Menschen zu vergeuden als die berühmte katholische Inquisition in ihrer jahrhundertelangen Geschichte.

Nach dem zweiten Weltkrieg ist eine neue religio des Westens zum Vorschein gekommen: die Medien. Die Medien haben ebenfalls viele Aspekte der Rolle der traditionellen Religionen übernommen: sie bieten Symbole an, interpretieren die Welt, legen beeindruckende Geschichten vor, beeinflussen die Denk- und Verhaltensweise der Menschen, bauen Netze auf, bieten eine gemeinsame Erfahrung und geteilte Themen an, sind Arbiter der Wahrheit - real und wichtig scheint das zu sein, was die Menschen "auf eigene Augen" in den Fernsehnachrichten gesehen haben.

Angesichts der totalitären Diktaturen, der "politischen Religionen" - des Nationalsozialismus und vor allem des Kommunismus - versuchte das Christentum in einigen Ländern wieder "Kontra-religio" zu sein: eine "parallele Polis" aufzubauen: So ist die religiöse Belebung in manchen Ländern unter kommunistischer Vorherrschaft zu bewerten: es ist bezeichnend, dass nach dem Zusammenbruch des Kommunismus statt der erwarteten religiösen Renaissance manche Erscheinungen festzustellen waren, die dem Leben der Kirchen in den pluralistischen demokratischen Ländern des Westens entsprochen haben: Privatisierung und Individualisierung des Glaubens oder Bildung kleiner Gemeinschaften, sei es jetzt innerhalb oder außerhalb des Kirchenbodens (neue religiöse oder kirchliche Bewegungen, Kulte und Sekten).

Der "Katholizismus" - jene kulturell-gesellschaftliche Gestalt des kirchlichen Lebens, die im 19. Jahrhundert als Alternative der Moderne und ihrer "-ismen" entstanden ist, ist nicht mehr die dominante Form der katholischen Kirche. Nachdem das 2. Vatikanum dieses Modell verlassen hat, überlebt er als eine konservative Utopie in den nostalgischen Ideologien von einigen Gruppen ohne größere politische Relevanz. Das öffentliche Interesse genießt der Katholizismus meistens als ein beliebter "Prügelknabe" der liberalen Medien oder dann, wenn er sich mit anderen Arten des Fundamentalismus verbindet (z.B. mit der nationalistischen politischen Bewegung von Le Pen).

Der Hauptstrom der katholischen Kirche in Europa erschöpfte sich in den letzten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts durch die Suche nach einem Kompromiß zwischen dem "Katholizismus" und der "offenen Katholizität", dem alternativen Modell, das das 2. Vatikanum angedeutet hat. Das Pontifikat vom Johannes Paul II. hat in mehreren Bereichen einen mutigen Schritt in Richtung "offener Katholizismus" bedeutet: In Beziehung zu anderen Weltreligionen, in der Soziallehre, besonders hinsichtlich der Betonung der Menschenrechte und der Unterstützung der Kräfte, die zum Zusammenbruch des Kommunismus und zur Integration Europas geführt haben, und im Mut zur kritischen "re-lecture" der Kirchengeschichte und zur symbolischen Buße für das Versagen der Kirche in der Vergangenheit, einschliesslich der Rehabilitierung Galileis. In den Dokumenten vom Paul VI. und Johannes Paul II. wird die Evangelisierung als "Inkulturation des Glaubens" betont, sowie die Aufmunterung zum Dialog des Glaubens mit den Kulturen, zur Überbrückung des Risses zwischen der kirchlichen Form des Glaubens und der gelebten Kultur (der Denk- und Lebensweise) des heutigen Menschen.

Zu großen Erfolgen im propagierten Dialog zwischen Glauben und Kultur scheint es jedoch nicht gekommen zu sein. Die Kultur stellt keineswegs nur äußeres Gewand dar, womit man den "nackten Glauben" bekleiden kann, und die Frage, was den eigentlichen Kern des Christentums ausmacht und was nur das "Akzidens", das kulturell veränderliche, das von den gesellschaftlich-geschichtlichen Umständen abhängige ist, ist viel schwieriger, als es auf den ersten Blick zu sein scheint. Der "Geist des 2. Vatikanums" war wohl erfolgreicher in Richtung "ad extra" als "ad intra". Der Versuch, die Prinzipien der "offenen Katholizität" in den Seelsorgestil und in das innere Leben der Kirche radikal zu integrieren, hat in den kirchlichen Strukturen und im traditionell katholischen Milieu unmittelbar nach dem Konzil eine starke Turbulenz, Konflikte, Rückgang der Zahl von Priestern, Ordensleuten und Kandidaten der geistigen Berufe verursacht, mancherorts auch Abschwung der Aktivität der Gläubiger und ihrer Bereitschaft, sich am kirchlichen Leben zu beteiligen und sich voll mit der Kirche zu identifizieren, sowie die Stärkung der Säkularisierungstrends in der Gesellschaft.

Die Enttäuschung über diese Entwicklung erinnert gewissermaßen an die häufige Enttäuschung über die politische und gesamtgesellschaftliche, kulturelle und religiöse Entwicklung in vielen Ländern nach dem Zusammenbruch des Kommunismus. Ein Übergang vom autoritativen, paternalistischen Modell mit einem bestimmten Maß an Direktivität und Repression zu einem mehr offenen, freien Milieu pflegt diese Krisen immer zu bringen, weil das Leben in Freiheit ein solches Maß an Verantwortung, Selbstständigkeit, Kreativität, an der Fähigkeit zu unterscheiden und an Initiative erfordert, das im vorhergehenden Modell kaum reifen könnte. Das autoritative Modell hält die Menschen künstlich in einer Art Infantilität und Abhängigkeit - und zwischen dieser Stufe und der erwachsenen Verantwortung gibt es die Adoleszenzkrise mit all ihren Deviationen, die man kaum überspringen kann.

In der letzten Zeit kann ich jedoch die schmerzhaften Zweifel nicht loswerden, ob es sich bei diesem Gleichnis, womit ich mich selbst und meine Nächsten seit längerer Zeit in einer Hoffnung auf eine positive Wende halte, nicht nur um einen täuschenden Trost handelt. Ist irgendwo in Europa ein Beispiel einer tatsächlichen Reife im politischen und geistigen Bereich zu finden? Sind sich diejenigen Länder, die durch die Hölle des Kommunismus durchgegangen sind, und diejenigen, denen es erspart wurde, jetzt nicht in vieler Hinsicht so grausam ähnlich - obwohl man bei den einen Früchte der überstandenen Prüfungen und des Leides und bei den anderen Früchte der längeren Erfahrung mit der Freiheit erwarten könnte?

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Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus befinden sich nicht nur die "postkommunistischen Länder" in einem großen Wandel; das ganze Europa - und wahrscheinlich nicht nur Europa - ist ein großes vielförmiges "Transformationsland". Nach dem schnellen Untergang der "zweiten Welt" müssen die ehemalige "erste" und "dritte Welt" erneut nach ihrer eigenen Identität, ihrer Sprache und der Art der Kommunikation mit anderen suchen.

Bin Ladin und seine Genossen, die Menschen aus der Kluft zwischen zwei Welten, die das Gefühl haben, sie wurden vom Westen nicht akzeptiert, von dem sie so viel geschöpft haben, die sich jedoch nicht mehr mit ihrer ursprünglichen Umwelt identifizieren können, sind bemüht, vielen, die sich durch Angst und Armut der heutigen Welt betroffen fühlen, eine "gemeinsame Sprache" anzubieten. In ihrer Grundstruktur erinnert diese Sprache an die alte Sprache der Gewalt, des Hasses und der Revolution, die wir so gut vom Anfang der radikalen politischen Ideologien des zwanzigsten Jahrhunderts kennen, die zu totalitären Regimes geführt haben. Bloß die Terminologie ist etwas anders, sie wurde aus dem Wörterbuch einer der größten Weltreligionen übernommen und erinnert gewissermaßen an die Sprache der alten religiösen Kriege. Der Islam stellt in vielen Ländern die "religio" dar, die sakrale Basis, die die nicht besonders differenzierte Welt von Politik, Recht, Wirtschaft und Kultur umfasst. Bei dem Islam von Chomeini und Al Kajda handelt es sich jedoch bereits um eine Kontra-religio, und jede Kontra-religio hat etwas krampfhaftes und instabiles in sich und tendiert zur Intoleranz, weil sie in einem bedeutenden Masse aus Negation und Dämonisierung der feindlichen Umwelt lebt. Es hängt von vielen Umständen ab, ob die Kontra-religio ein Getto der "parallelen Polis" schafft, in der viele, auch positive Werte der alternativen Kultur entstehen können, oder ob sie ihre Mobilisierungskraft in den offensiven "Krieg gegen Ungläubige" investiert.

Sowohl der Nazismus, als auch der Kommunismus haben eine Kontra-religio gegen die Kultur der Modernität in Form vom demokratischen Kapitalismus dargestellt, wobei sie viele Errungenschaften der Modernität in Anspruch genommen haben, besonders die Kriegstechniken. Der Nazismus hat den "Krieg gegen Ungläubige" und den geplanten Genozid einer Kultur erklärt. Der Kommunismus hat schliesslich die Strategie der Weltrevolution verlassen und versuchte ein politisch-ideologisches Getto aufzubauen, das durch politische Polizei, Bürokratie und Zensur beherrscht wurde. Er ist erst im globalen Markt von Waren und Ideen erstickt, wo die in sich geschlossene Wirtschaft und Zensur der Ideen und Informationen nicht überleben konnten.

Wie ich bereits angesprochen habe, stehen die Medien im Zentrum der postmodernen Gesellschaft - und gerade die Medien stellen die eigene religio des heutigen Westens dar. Das politische Leben und der Verbrauch der politischen Produkte hängen in einem bedeutenden Masse von den Medien, von der Werbung ab. Obwohl sich diese beiden Welten offensichtlich gegenseitig brauchen - die Medien brauchen die Unterstützung der politischen und ökonomischen Subjekte, wird der Erfolg dieser Subjekte wohl immer mehr von den Medien abhängen, die zu einer erfolgreichen Industrie sui generis werden, und die medialen Großherren pflegen häufig ihre eigenen politischen Interessen und Präferenzen zu unterstützen. Die Medien aller Art stellen das Nervensystem der Informationsgesellschaft dar, umfassen und verbinden praktisch alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Sie bilden den Raum, wo sich Kultur, Sport, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Religion treffen und werden in einer entsprechenden Verpackung in das Bewusstsein von Millionen von Menschen importiert.

Ich habe die ironische Bemerkung darüber ausgesprochen, dass die Globalisierungstheorie die Lebenserfahrung von einer engen Gruppe von Menschen zum Ausdruck bringt, die diese Beschreibung ihres Lebensstiles auf einen weltweiten kulturellen Trend generalisieren. Durch die Verbreitung des Informationsnetzes wird dieser Mythus jedoch Wirklichkeit. Die Medien bilden die globale Gesellschaft und sind ihre integrierende Kraft, ihre religio. Auch in dieser Hinsicht gilt die Aussage, dass "das heutige Europa nicht unreligiös ist" - es hat ein funktionales Äquivalent der früheren religiösen Systeme gefunden. Für viele unkritische Konsumenten des medialen Informationsnetzes ist die Teilnahme an diesem faszinierenden Spiel mit Symbolen und Bildern - obwohl sie sich gegen dieses Bekenntnis sicherlich wehren würden - "ein ordentlicher Kult der richtigen Götter", für andere wiederum "Superstitio", Idolatrie. Ich zähle zu denjenigen, die keine dieser beiden extremen Bewertungen teilen.

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Wir haben bereits über Schicksal des christlichen Glaubens nach seiner Trennung von der Religion, nach seinem Exodus aus der religiösen Welt nachgedacht. Der Gedanke, dass der christliche Glaube nicht unbedingt religiös ist, ja dass es eine legitime Spannung zwischen Religion und Christentum gibt und dass der christliche Glaube einen überwiegend unreligiösen Charakter hat und haben wird, ist im zwanzigsten Jahrhundert mehrmals vorgekommen, und zwar vor allem in der protestantischen Theologie von Barth über Boenhoffer bis zur "Theologie des Todes Gottes", aber auch bei den evangelischen und katholischen Theologen und Philosophen, die die säkulare Welt als eine legitime Frucht der biblischen "Desakralisierung der Welt" verstehen. Marcel Gauchet spricht vom Christentum als von der "Religion, die aus der Religion hinausführt", die den "politischen Tod der Religion" verursacht hat und ist aus der Welt der Politik in die Welt der Kultur übergegangen. Alle diese Denker, auch wenn sie manchmal auf ähnliche Weise die Tatsachen auffassen, von denen ich gesprochen habe, definieren die Religion jedoch etwas anders. Nietzsche hat manche bisher ungeahnten Zusammenhänge der Religion gezeigt, als er die dramatischen Konsequenzen des "Todes Gottes" (der Gott wurde als eine erstarrte metaphysische Basis des Verständnis der Wahrheit und des Gutes verstanden), als auch die Reichweite des "Schattens Gottes" geschildert hat, dem wir noch lange nach dem Tode Gottes in Kultur, Wissenschaft, Gesellschaft, ja sogar in unserer Auffassung der Rationalität und in der Grammatik unserer Sprache selbst begegnen werden.

Viele christliche Denker haben sich bemüht, den christlichen Glauben aus den engen Räumen hinauszuführen, die ihm das neuzeitliche Verständnis des Lebens und der Welt gewährt hat - aus dem Bereich des Moralisierens, des sentimentalen Pietismus oder aus den dunklen Ecken der paranormalen Erscheinungen, die die wissenschaftliche Rationalität nicht zu erklären schaffte, aus der Reduktion des Glaubens auf allgemeine Humanität oder sozial-politisches Engagement. Sie haben bewiesen, dass der Glaube weder Summe von Überzeugungen (believes) oder Variante einer Weltansicht ist, noch eine gehorsame Einschränkung der Lebensbewegung auf den durch die kirchlichen Gebote und Verbote begrenzten Rahmen.

Nachdem sich viele frühere Modelle des Lebens aus dem Glauben erschöpft haben, scheint der Glaube als ein Weg wieder in den Vordergrund zu rücken, der Weg der Nachfolge Jesu Christi, der Weg, der die spirituelle Tiefe mit der Horizontale der gesellschaftlichen Verantwortung verbindet, der Weg des Mutes zur Nonkorformität mit dem "Geist dieser Welt" und der nüchternen Weisheit des Wirtes, der aus dem ihm überlassenen Schatz sowohl die neuen, als auch die alten Sachen auswählt. Wenn die Menschen dieses Weges unter denjenigen sind, die auf eine oder andere Weise auf der Baustelle des morgigen Europas arbeiten werden, dann - seien sie auch wenige, so wie Salz im Gericht - können wir nicht erklären, dass Europa nicht christlich ist, obwohl die Religion Europas nicht mehr Christentum ist und obwohl unser Christentum eher ein steiler und schmaler Weg ist als die alles umfassende religio.

Mai 2002
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