E s s a y s
DIE CHRISTLICHEN KIRCHEN UND DAS GEMEINSAME HAUS EUROPA
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, Eure Eminenz, Exzellenzen, Eure Magnifizenz, cives academici, meine Damen und Herren, zuerst möchte ich dieser Versammlung herzliche Grüße von seiner Eminenz Kardinal Vlk bestellen, sowie seinen Wunsch zum Ausdruck bringen, dass auch der heutige Abend ein kleiner Schritt zur Vertiefung der Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern sein möge. Gute Nachbarschaft und die Überwindung aller Missverständnisse zwischen unseren Nationen liegt ihm persönlich, sowie auch den tschechischen Katholiken sehr am Herzen. Soweit die Botschaft des Kardinals. Nun gestatten Sie mir, Ihnen einige meiner Gedanken zum Thema Die christlichen Kirchen und das gemeinsame Haus Europa vorzutragen.
Die Hoffnung auf einen baldigen EU-Beitritt Tschechiens bietet unseren beiden Völkern eine neue und seltene Chance, unser geschichtliches Schicksal fest zu verbinden, diesmal - im Unterschied zur weit hinter uns liegenden Vergangenheit - auf der Basis einer würdigen demokratischen Partnerschaft. Diese Kultur von auf gegenseitiger Achtung und Verständigung beruhenden partnerschaftlichen Beziehungen müssen wir uns bereits jetzt intensiv aneignen. Gerade die Kirche und die Universitäten - die beiden Institutionen, die über Jahrtausende mit der europäischen geistigen Identität verbunden waren, können zu Werkstätten des neuen europäischen Bewusstseins und Gewissens werden. Durch ihr intellektuelles und moralisches Bestreben können sie zur Bereinigung des historischen Gedächtnisses der Nationen, zum Dialog der Kulturen, sowie zur authentischen Nähe beitragen - und zwar vor allem dort, wo die Instrumente der politischen Einigung manchmal ganz kläglich versagen.
Dr. Josef Homeyer, Bischof aus Hildesheim, hat in seinem Vortrag für die Tschechische christliche Akademie in Prag unlängst vorgeschlagen, den Termin "Erweiterung" der EU durch den Termin "Europäisierung" der EU zu ersetzen. Ich zitiere: "ich möchte gerne den Begriff Erweiterung durch "Europäisierung" der EU ersetzen. Der Begriff Erweiterung insinuiert kulturell eine Vollständigkeit Europas, die quantitativ aufgefüllt werden müsste und verdeckt so ein qualitativ- kulturelles Defizit der EU; der Begriff Erweiterung assoziiert zweitens politisch Hegemonie des Westens. Beide Aspekte halte ich nicht nur für politisch schädlich, sondern auch für geschichtlich unverantwortbar. Erweiterung als Europäisierung bedeutet demgegenüber eine normative Aufladung und damit Stützung des angestrebten Prozesses, wie sie ja vom Papst mit seinem Bild von den "zwei Lungenflügeln" Europas grundgelegt wurde."
Wir müssen uns einmal ganz nüchtern fragen, ob und inwieweit die christlichen Kirchen bei dieser Aufgabe weiterhelfen können. Der Blick auf die massiv sinkende Zahl derjenigen, die sich bei der letzten Volkszählung in Tschechien zu einer der Kirchen bekannt haben (wobei den größten Verlust gerade die katholische Kirche zu verzeichnen hatte) und auf die Statistik der Kirchenaustritte bei unseren deutschsprachigen Nachbarn ist nicht gerade ermutigend. Trotz aller Bemühung um die "neue Evangelisierung Europas" scheint Europa an der gleichen Entzündung in beiden Lungenflügeln zu leiden. Den Neubau des gemeinsamen europäischen Hauses durchweht fast über alle Fenster eine religiöse Indifferenz. Wir können höchstens in unserem alten europäischen Haus den Duft einer ganz anderen Frömmigkeit spüren, als den, an den wir aus unseren herkömmlichen Kirchentraditionen gewöhnt sind.
Von vielen Seiten hören wir den Jammer, das Europa von heute sei weder christlich noch religiös. Darauf möchte ich gern antworten, dass Europa weder unchristlich noch unreligiös ist. Es ist jedoch nicht "christlich religiös". Es scheint mir so zu sein, dass die Religion des heutigen Europa kein Christentum und unser heutiges Christentum keine Religion mehr sind - zumindest in dem Sinne, in dem es früher "Religion" war. In Europa mehr als in jedem anderen Kontinent unterliegen und unterlagen die Kultur- und Zivilisationsparadigmen einem Wandel, und in diesen Paradigmen ändert sich auch die Beziehung zwischen Glauben und Religion. Ich bin sogar davon überzeugt, dass diese dramatischen Beziehungen zwischen Glauben und Religion eine der wichtigsten Ursachen der Dynamik in der europäischen Geschichte darstellen. Ich will mir heute Abend die Frage stellen, was im heutigen Europa die soziale und kulturelle Rolle der Religion spielt - der Religion als integrierender Kraft in der Gesellschaft - welche Rolle der christliche Glaube und die Institutionen, die ihn repräsentieren, spielen und spielen können. Wenn wir nicht den Mut haben, diese geschichtliche Bewegung zur Kenntnis zu nehmen, dessen Bestandteil wir sind, könnte es passieren, dass unsere Vorstellungen von Europa und dem Christentum zu ideologischen Phrasen verkommen. Und umgekehrt: befreien wir uns von einigen Klischees, können wir neue Chancen einsehen: einschliesslich der Chance der Kirchen und Universitäten, den Prozess der Integration der Europäischen Union radikal zu vertiefen, zu vermeiden, dass die große Hoffnung unserer Zeit nicht im bürokratischen Morast versinkt, dass sie nicht nur auf Ebene der Einigung von politisch-administrativen Strukturen bleibt. Gerade im Umfeld der Kirchen und Universitäten können wir lernen, die schmerzhaften Momente unseres nationalen Gedächtnisses neu zu begreifen und die Bestrebungen abzulehnen, die Geschichte im Geiste nationalistischer Ideologien populistisch zu instrumentalisieren.
Es ist Ihnen allen klar, dass ich in dem zeitlichen Rahmen des heutigen Abends diese Gedanken nicht so vortragen und belegen kann, wie sie es wert wären, und dass ich mich auf einige Thesen und Anregungen zum Nachdenken und eventuell zu einem weiteren Dialog beschränken muss.
Das Europa von heute ist zumindest im doppelten Sinne nicht entchristlicht: unsere gesamte Kultur ist von Werten durchdrungen, die das Christentum gebracht beziehungsweise erhalten hat, und aus diesem Erbe schöpfen heute in vielen Dingen auch diejenigen, die sich den christlichen Kirchen und ihrem Glauben völlig entrückt fühlen; außerdem stellen die christlich Gläubigen doch noch eine zahlenmäßig relativ starke Gruppe der europäischen Bevölkerung dar. Europa ist nicht unreligiös vor allem in dem Sinne, in dem ich hier das Wort Religion verwende: Religion ist das, was die Gesellschaft integriert. Ich behaupte nicht, dass die Religion (in dem Sinne, der sich im normalen Bewusstsein nach der Aufklärung eingebürgert hat) die heutige Gesellschaft integriert, sondern dass das, was eine bestimmte Gesellschaft integriert, ihre Religion darstellt. Diese Auffassung von Religion ist nicht erst das Ergebnis funktionalistischen Denkens der modernen Soziologie oder ein Abbild dessen, was seit Rousseaus Zeiten als Zivilreligion bezeichnet wird. Bereits im antiken Rom, wo der Begriff religio - der in keiner außereuropäischen Kultur ein genaues Äquivalent hat - auftauchte, war die religio keine Suche nach dem letzten Sinn des Lebens, sondern eher ein Sammelsurium von Ritualen und Symbolen, die die gemeinsame heilige Grundlage des Staates ausdrückten. Deshalb war der Dissent gegenüber "den Göttern, die der Staat anerkennt", in der Antike ein politisches Verbrechen, wie der Prozess gegen Sokrates oder die Verfolgungen des frühen Christentums zeigen. Der christliche Glaube taucht auf der geschichtlichen Bühne als "Weg" auf, der Weg der Nachfolge Jesu von Nazareth, der sich plötzlich mit antikem philosophischen Denken verbindet, sich jedoch von der antiken religio distanziert.
In den Jahrhunderten von Konstantin bis hin zu Karl dem Großen konstituiert sich das Christentum als neue religio des Römischen Reiches. Das große Projekt des "gemeinsamen Hauses Europa" in Form des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation wurde auf dem Boden des Christentums als religio errichtet. Wir alle wissen, wie kulturell produktiv die "christianitas" war, diese große Synthese des Mittelalters, diese - wenn ich dies so sagen darf - "Ehe zwischen Glaube und Religion".
Denjenigen jedoch, die beim Aufbau eines vereinten Europa in der heutigen Zeit nostalgisch an das Mittelalter denken, müssen wir in Erinnerung rufen, dass es nicht ganz sicher ist, ob diese Zeit wirklich das goldene Zeitalter des Glaubens darstellte. Es ließen sich sicher viele Argumente für die Behauptung finden, dass der christliche Glaube wirklich tief in die Lebenskultur nur einer relativ kleinen Schicht eindrang, die dann Dokumente in Schriftform hinterlassen hat; die Sitten und Gebräuche der breiten Masse der Landbevölkerung zeugen oft nur von einem äußeren Anstrich des Christentums. Das europäische Christentum des ersten Jahrtausends wies weiterhin einen kulturell sehr pluralitären und breit gefächerten Charakter auf - nebeneinander lebten hier verschiedene kulturelle Formen des Christentums, die irische, die keltische, die germanische, die römische, die griechische und die slawische, doch es gab auch die syrische, koptische und die afrikanische usw. Erst nach der Spaltung des christlichen Ostens und Westens begann in einem großen Teil Europas die lateinische, die römische Version so zu dominieren, dass das Christentum lange als monokulturell aufgefasst wurde.
Beginnend mit dem fünfzehnten Jahrhundert weht ein neuer Wind durch Europa, der dann die politische und religiöse Krise Europas auslöst, und ab dem siebzehnten Jahrhundert ist mit der Verbreitung der Aufklärung zu beobachten, dass der christliche Glaube aufhört, "religio" des Westens zu sein. Religion hängt immer mit Macht zusammen - und eines der wichtigsten Machtinstrumente ist die Sprache. Die Macht der religio besteht vor allem in der Fähigkeit, eine gemeinsame Sprache zu bieten, die die Erfahrung und das Lebensgefühl der Mehrheit der Menschen zum Ausdruck bringt. Trotzdem haben sich die Erfahrung und das Lebensgefühl des Menschen an der Schwelle zur Moderne tief greifend verändert - die Renaissance bringt eine neue Beziehung zum Körper hervor, entdeckt das verschüttete Erbe der Antike, experimentelle Methoden verzeichnen eine neue Beziehung zu Natur und Kosmos, Europa beginnt, die anderen Kontinente zur Kenntnis zu nehmen, Humanisten und Reformatoren lehren, die Bibel neu zu lesen, die Emanzipationsbewegung der Laien in der Reformation geht zu einer Demokratisierung nicht nur der Kirche, sondern auch der Gesellschaft über, es kommen neue ökonomische, politische und soziale Modelle und Strukturen auf.
Die Sprache der christlichen Theologie ist nicht mehr in der Lage, diese neue Welt des Menschen zu artikulieren; die Theologie wird zu einer toten Sprache, ähnlich wie Latein wird sie mehr oder weniger nur noch als Ornament gewisser Festlichkeiten und bei Expertentreffen verwendet - sie ist kein Mittel der allgemeinen Kommunikation mehr. Die neue Sprache, die neue religio des Westens, wird ab dem siebzehnten Jahrhundert die Wissenschaft. Die Wissenschaft wird schrittweise zum Arbiter der Wahrheit: noch heute verstehen viele unserer Zeitgenossen das Adjektiv "wissenschaftlich" als Synonym für "wahrheitsgemäß, verlässlich". Es ist interessant zu beobachten, wie auch die Theologie versucht, sich langsam aber sicher diesem rationalistischen Modell anzupassen (vor allem der Neuthomismus ist im Rahmen des christlichen Denkens eine Art Umkehrung des Positivismus).
Im Laufe des 20. Jahrhunderts spezialisiert sich die Wissenschaft jedoch so stark und wird so kompliziert, dass sie bei weitem nicht jene allgemein verständliche Sprache und das gemeinsame Weltbild anbieten kann, wie zu der Zeit der Physik von Newton oder des Evolutionismus von Darwin. Die Wissenschaft ist nicht mehr die religio des Westens. Was ist heute die "neue Religion"? Ich bin der Meinung, dass die siegende Religion des Westens die Medien sind.
Die Massenmedien sind jene Macht, die das Netz schafft, die die stark differenzierte Gesellschaft integriert, Symbole und Sprache anbietet, Denkweise, Verhalten und Erleben beeinflusst. Die Medien sind das, was bis zu einem gewissen Maße die anderen Sektoren des Lebens umfasst und vermittelt - was die meisten Menschen von der Politik, der Wissenschaft, der Wirtschaft, der Kultur, den Sport oder über die Religion wissen, erfahren sie über die Medien. Die Medien sind Arbiter der Wahrheit und der Glaubwürdigkeit, so wie es früher die Autorität der Kirche beziehungsweise die Autorität der Wissenschaft war: die Menschen betrachten das als wahr und wichtig, was sie "mit eigenen Augen" in den Fernsehnachrichten gesehen haben. In der Informationsgesellschaft bieten die Medien das an, was den größten Reichtum unserer Zeit darstellt und was als Symbol für die grundlegende Baueinheit der Welt - wie vormals das Atom - steht - nämlich die Information.
Sicher: es lässt sich noch über eine Struktur der westlichen Welt als über eine allumfassende integrierende Kraft nachdenken, nämlich über die kapitalistische Wirtschaft, über die Marktwirtschaft. Hier ist eine bestimmte Parallele zwischen dem Warenmarkt und dem Ideenmarkt zu erkennen, den zwei Gesichtern der globalen Zivilisation. Übrigens: ich bin davon überzeugt, dass gerade der Prozess der Globalisierung, und zwar vor allem mittels dieser zwei Strukturen, den Kommunismus hinweggefegt hat: im scharfen Wind der Konkurrenz auf dem freien Markt von Waren und Ideen sind die kommunistischen Gesellschaften, die auf der stattlichen Planwirtschaft und der Zensur von Gedanken und Informationen basierten, erstickt.
Nach dem Fall des Kommunismus hat sich viel mehr verändert als nur die Situation in einigen Ländern Mittel- und Osteuropas. Nach dem Niedergang der "zweiten Welt" stehen die ehemalige erste und die ehemalige dritte Welt vor der Notwendigkeit, sich selbst neu definieren zu müssen, ihre "eigene Sprache" und auch eine Sprache für das gemeinsame Verständnis in der globalen Welt zu finden. Der radikale Islamismus versucht, weiten Teilen der ehemaligen dritten Welt - und auch Teile jener vierten Welt, und hierher gehören beispielsweise ausländische Arbeiter und Flüchtlinge in den westlichen Ländern - eine gemeinsame Sprache anzubieten. Diese ist nicht der Islam, vielmehr ist es jene Sprache revolutionären Hasses, den wir in der nazistischer Version (als Rassenhass) und in marxistischer Form (als Klassenhass) kennen - diesmal ist dieselbe Mentalität in das Gewand religiöser Sprache, in die Sprache religiösen Hasses gehüllt.
Wie sieht die gemeinsame Sprache des Westens aus? Die Medien bieten, wie ich bereits sagte, eine bestimmte Art der Artikulation und der Vermittlung eines Weltbildes an. Es ist nicht die einfache Spiegelung der Welt, sondern ihre Interpretation, die Umsetzung in einen bestimmten Typ von Sprache. Die Medien legen ein Porträt unserer Welt vor, sie arbeiten jedoch mit einer begrenzten Farbskala. Trotz aller Raffinesse der technischen Mittel bleibe bestimmte Dimensionen der Wirklichkeit unberücksichtigt. Vielleicht bietet sich ja eine erste konkrete Antwort auf die Frage, worin die Aufgabe der christlichen Kirchen in der gegenwärtigen europäischen Gesellschaft besteht: sich um die Tiefendimension des Lebens von Einzelnen und der ganzen Gesellschaft zu kümmern.
Ich glaube nicht, dass das Christentum wieder jene religio des Westens werden kann, integrierende Kraft des vereinten Europa, dass es wieder jene politische und soziokulturelle Rolle spielen kann, wie dies im Mittelalter der Fall war. Ich glaube nicht, dass die christlichen Kirchen der Rolle konkurrieren können, die im öffentlichen Leben die Medien spielen. Billige Versuche, die Glaubensverkündigung dem Stil der populären Medien anzupassen und sich in die Unterhaltungsindustrie einzubinden, so wie dies bei einigen amerikanischen Fernsehevangelisten oder bei großen Evangelisierungsshows in Sportstadien zu beobachten ist, bedeutet, Wein in Wasser zu verwandeln. Sicher ist es besser, wenn die Kirche den medialen Raum eher als kompetenter Partner in einer seriösen Debatte über ernste Probleme in der Gesellschaft betritt, denn die Welt der Medien ermöglicht es, einen Dialog zu führen. Eric Voegelin, der einen großen Teil seines Lebens in dieser Stadt verbrachte, hat einmal gesagt, das Hauptproblem der heutigen Christen bestehe nicht darin, dass sie nicht die richtigen Antworten kennen, sondern dass sie die Fragen vergessen hätten, auf die der Glaube eine Antwort gibt. Hat die Evangelisierung - die Hauptaufgabe der Kirche - nicht den Charakter eines Dialogs mit der Kultur der Gesellschaft, begibt sie sich auf das Niveau von Indoktrination und religiöser Agitation. Vor allem in den Ländern, die als "postkommunistisch" bezeichnet werden, reagieren die Menschen auf jede Art von Indoktrination allergisch.
Nachdem der christliche Glaube aufgehört hatte, die "religio" des Westens zu sein, erhielt der den Status einer "Weltanschauung". Parallel zum Zerfall des politischen Körpers des "christlichen Europa" - und der Entstehung eines "Europas der Völker" teilte sich auch der "mystische Leib Christi" beziehungsweise eher dessen institutionelle Repräsentation, in einzelne Denominationen. Das Christentum existierte im Plural, und dieser Plural wurde lange Zeit - auch von den Christen selber - als etwas verstanden, das es diskreditierte; es mussten Jahrhunderte vergehen, ehe ein römischer Papst slawischer Herkunft schrieb, diese Pluralität bereichere das Christentum auch durchaus.
Die Veränderungen der kulturellen Paradigmen, die der Prozess der Globalisierung mit sich bringt, haben die Grenzen zwischen den Staaten und zwischen den Denominationen deutlich geschwächt; Ökumene und interreligiöse Kontakte werden durch dieselbe Bewegung getragen, wie sie sich die politische und wirtschaftliche Integration erzwingt.
Ich bin davon überzeugt, das sich bald ein Raum für ein neues Treffen von Religion und Politik öffnen wird. Das klassische Paradigma, in dem über diese Beziehung seit der Aufklärung nachgedacht wurde, nämlich die "Trennung von Kirche und Staat" war sicherlich notwendig und beiderseitig von Vorteil, es hat sich jedoch überlebt. Der Staat besitzt nämlich heute nicht mehr das Monopol über das politische Leben, und die Kirchen haben nicht das Monopol auf das religiöse Leben. Innerhalb der Staaten entstehen, die Grenzen der Nationalstaaten jedoch überschreiten neue soziale Bewegungen und Bürgerinitiativen, die oft sehr wirksam vor allem lokale, regionale Probleme lösen. Und Europa wird so von einem Europa der Völker (und Nationalstaaten) zu einem Europa der Regionen. Innerhalb der Kirchen entstehen, obwohl sie die Grenzen der Kirchen überschreiten, neue religiöse Bewegungen mit oft internationalem, ökumenischem und interreligiösem Charakter. Vielleicht trägt ja die Zusammenarbeit einiger religiöser und politischer Bewegungen, Initiativen und Think-tanks in der gesamteuropäischen bürgerlichen Gesellschaft zu einer Erneuerung der politischen Kultur der Zukunft bei.
Der Grundsatz "to think globaly and to act localy" wird wohl im Europa der Zukunft sowohl im politischen, als auch im religiösen Bereich gelten. Der Mensch braucht sowohl seine Verankerung in der "Gemeinschaft", in seinem Mikroklima, als auch die Offenheit gegenüber einem immer breiteren Horizont. Dabei fällt mir ein, ob jene integrierende Rolle, die der christliche Glaube im Mittelalter auf der Ebene der Gesellschaft gespielt hat, dieser nun vor allem auf der Ebene des Lebens der einzelnen Menschen spielen könnte. Dies bedeutet nicht notwendigerweise eine "Privatisierung des Glaubens" und eine Flucht in die Position der "unsichtbaren Religion". Braucht denn der Mensch, zersplittert in viele Identitäten, nicht jene vereinende Tiefendimension des Lebens, um als Persönlichkeit zu bestehen - auch in der Gesellschaft und für die Gesellschaft?
Vielleicht kommt auf die Kirchen in Europa - zumindest in naher Zukunft - auch eine wichtige therapeutische Rolle zu. Damit meine ich nicht, dass die Priester und Pfarrer die Arbeit von Psychotherapeuten ersetzen oder diese ebenfalls ausüben sollen, es geht hier um eine "geistige" Therapie - und damit meine ich noch etwas anderes als die Logotherapie des Wieners Viktor Frankl.
Ich denke, dass die Kirchen - und in einem gewissen Sinne auch die Universitäten - ebenfalls zu einer Therapie der Politik, zu einer Therapie der Beziehungen zwischen Völkern und Staaten und auch zu einer Therapie von geschichtlichen Traumata beitragen können. Erlauben Sie mir nun bitte, etwas konkreter und persönlicher zu werden. Das, was ich nun sage, betrifft die aktuellen Beziehungen zwischen unseren Ländern.
Niemand hat uns zum Richter über die Geschichte ernannt, doch wir sollten in Demut vor demjenigen, der als Einziger die Geschichte gerecht richtet, aufmerksame Schüler der Geschichte werden, damit unser Gewissen unserem Gedächtnis zuhört. Das historische Gedächtnis der Völker zu beleben ist manchmal keine so einfache Aufgabe, denn es handelt sich um einen schmerzhaften Prozess. Bei einer aufmerksamen Betrachtung der Vergangenheit sehen wir, dass der Jubel der Sieger oft die Wehklagen der Opfer übertönte. Wir müssen Solidarität mit den Opfern lernen, und zwar nicht nur mit den Opfern einer Seite. Die von den Siegern geschriebene Geschichte überspringt oft nur allzu leicht Dinge, die das Gefühl von Schuld und Schmach hervorrufen können. Und wenn es Zeugnisse von Besiegten gibt, so beschwören in ihnen oft der Schmerz und das Gefühl von Unrecht den Geist der Rache und den Geist der Last herauf - auch diese Ressentiments dämpfen das Gefühl für die Wahrheit. Die Wunden der Vergangenheit können nur in einem Dialog geheilt werden, in dem sich die sachliche Tatsachentreue mit einem weisen Betrachtung aus einem gewissen Abstand heraus verbindet, der eine philosophische und theologische Reflexion der Geschichte ermöglicht. Universitäten und Kirchen können zu einer solchen Beziehung zur Geschichte beitragen, die nicht nur den Mut zu einer wahrheitsgemäßen, kritischen und selbstkritischen Reflexion wecken kann, sondern auch die Entschlossenheit, die Spirale der ständigen Rückkehr des Bösen aufzuhalten, das seine Wurzeln in einer nicht ausgeheilten Vergangenheit hat. Es ist sehr gefährlich, in der Vergangenheit nach Argumenten zu suchen, die zu Waffen in den Wahlkämpfen von Politikern werden können, so wie wir auf beiden Seiten, der österreichischen und der tschechischen, im Falle der so genannten Beneš-Dekrete davon Zeugen werden konnten. Sicher wissen Sie, dass es in der Tschechischen Republik vor allem Vertreter der geistlichen Sphäre, Intellektuelle und Kirchen waren, die dieses Dokument kritischer und sehr viel differenzierter betrachteten, als dies in der Stimmung vor der Wahl aus dem tschechischen Parlament anklang. Die vom Europäischen Parlament angeforderten Gutachten könnten diese Debatte auf politischer und rechtlicher Ebene beenden, und es wäre töricht anzunehmen, eine Belebung dieser Debatte auf dieser Ebene könne auch nur zu einem positiven Ergebnis in der Praxis führen. Es gibt Unrecht, das auf materieller Ebene nicht entschädigt werden kann, ohne eine Lawine neuen Unrechts auszulösen.
Doch das Ende der politischen Debatte kann dieses Thema wieder auf die geistliche und moralische Ebene heben, wo die einzelnen Ebenen der Schuld sensibler unterschieden werden können - erinnern wir uns an die bekannte Studie von Karl Jaspers - und es kann viel sachlicher nach Therapiemitteln gesucht werden. Es sollte daran erinnert und weiter vertieft werden, was bereits aus dem Mund von Präsident Václav Havel und durch einige Erklärungen von Kirchen und Intellektuellen anklang. Ja, auch ich bin davon fest überzeugt, dass die Beneš-Dekrete kein glückliches Dokument sind, welches die Logik des Krieges in die Zeit der Schaffung von Frieden verlegte, das vom moralisch nicht zu rechtfertigenden Prinzip der Kollektivschuld ausging und so mitverschuldet hat, dass auf das erlittene Unrecht nicht mit nüchterner Gerechtigkeit, sondern mit neuem Unrecht geantwortet wurde, das auch viele Unschuldige traf. Gleichzeitig hat es dieses Dokument verhindert, diejenigen zu verfolgen und gerecht zu bestrafen, die im Wahnsinn der Nachkriegszeit wieder - diesmal auf der anderen Seite - barbarische Straftaten begingen. Es ist eine Schande der euroatlantischen Zivilisation, dass auch die Vertreter der demokratischen Großmächte in den Vierzigerjahren auf das Prinzip der Vertreibung ganzer ethnischer Gruppen eingingen, ein Prinzip, das bis zu dieser Zeit vor allem durch das diktatorische Regime Nazideutschlands und des kommunistischen Russland angewendet wurde. In der Tschechoslowakei kam dieses Zugeständnis des stalinistischen Geistes sehr bald als Bumerang in Form einer Schwächung der Rechtskultur zurück und öffnete den Schrecken der Stalinschen Justiz Tor und Tür.
Eine bedeutende Lehre aus den Nachkriegsereignissen sieht wie folgt aus: ist eine demokratische Regierung nicht bereit, die Prinzipien der Menschenrechte in Beziehung zu den Minderheiten konsequent einzuhalten, so werden die Rechte und Grundfreiheiten der Bürger in der ganzen Gesellschaft recht bald bedroht sein. Eine Demokratie, die pragmatische Kompromisse in grundlegenden Fragen der Rechtskultur und der politischen Ethik eingeht, wird früher oder später von Angiffen des Barbarentums zerstört, sei es von außen oder vom Inneren der eigenen Gesellschaft aus. Die Menschenrechte sind unteilbar. Verdecken pathetische Worte von nationalen Interessen nur nationalen Egoismus und Rücksichtslosigkeit gegenüber Minderheiten, so sind die Grundfesten des Friedens und der Freiheit auf dem ganzen Planeten bedroht. Wird in der Beziehung zu erlittenem Unrecht der Geist der Rache nicht vom Geist der Vergebung korrigiert, kann sich die "Ausübung von Gerechtigkeit" in Ungerechtigkeit verkehren, die letztlich auch den betrifft, der die Spirale des Hasses nicht rechtzeitig aufzuhalten in der Lage war.
Nein, wir sind keine Richter über die Geschichte. Gehen wir jedoch mit Demut, Sachlichkeit und Ehrlichkeit an unsere Vergangenheit heran, dann können vom Dialog von Historikern, Philosophen, Theologen und Juristen wertvolle Impulse zur Gesundung alter Traumata und zu einer gesünderen Sicht der Gesellschaft auf sich selbst, ihre Traditionen und gegenwärtigen Probleme ausgehen. Sind die Kirchen und Universitäten bereit, gemeinsam an dieser Aufgabe zu arbeiten, so kann und muss aus diesem Umfeld eine ernste Warnung an bestimmte Politiker ergehen: Hände weg von der Geschichte! Die Geschichte ist ein viel zu gefährliches und explosives Spielzeug, als dass sie unverantwortlichen Händen denjenigen überlassen werden kann, die sich in der Jagd nach Wählerstimmen nicht schämen, nationalistische Leidenschaften und Ressentiments populistisch aufzublähen!
Seien wir dankbar für Politiker, die den Mut haben, sich den Vorurteilen in den eigenen Reihen entgegenzustellen, nationalen Mythen standzuhalten, ideologische Schemata abzulehnen und kompetente Partner in jenem philosophischen und wissenschaftlichen Dialog über die Geschichte zu sein und zur Schaffung einer neuen politischen Kultur für das Europa der Zukunft beizutragen. Ich bin stolz darauf, dass ich beim Blick auf die kurze Geschichte der modernen tschechischen Demokratie zwei Namen solcher Politiker nennen kann, Masaryk und Havel. Ich schäme mich für diejenigen tschechischen Politiker, die sich in einem ganz anderen Sinne äußern und auch handeln. Mir steht es nicht zu, mich zur politischen Szene in Österreich zu äußern. Ich bitte Sie nur um eines: überall auf der Welt ist es nicht einfach, sich mit den Schattenseiten der eigenen Geschichte auseinander zu setzen und den Vorurteilen und dem Populismus standzuhalten; es ist fast unmöglich, ein solches Rennen zu gewinnen, wenn diejenigen, die es anführen, auch dem Druck von außen standhalten müssen. Hier erlaube ich mir, eine goldene Regel in Erinnerung zu rufen: was du nicht willst, das man dir tut, das füge auch keinem anderen zu.
Ganz zum Schluss möchte ich gern zusammen mit Ihnen mit Hoffnung in die europäische Zukunft und auch in die Zukunft des europäischen Christentums blicken. Es hat den Anschein, dass, nachdem sich viele frühere Modelle des Lebens aus dem Glauben erschöpft haben, der Glaube als Weg wieder ins Zentrum rückt, der Weg der Nachfolge Jesu, Christus genannt, der Weg, der die spirituelle Tiefe mit der horizontalen gesellschaftlichen Verantwortung verbindet, der Weg des Mutes zur Nonkonformität mit dem "Geist dieser Welt" und der nüchternen Weisheit eines Wirtes, der aus den ihm anvertrauten Schätzen neue und alte Dinge auswählt. Werden Menschen dieses Weges unter denjenigen sein, die verantwortungsbewusst auf der Baustelle des Europa von morgen arbeiten, dann - sind sie auch nur so wenige sein, wie es Salz in einer Speise braucht - wir werden nicht verkünden können, dass Europa nicht christlich ist, auch wenn seine "Religio" nicht mehr das Christentum darstellt und unser Christentum ein eher steiler und schmaler Pfad als eine allumfassende religio ist.
15.10. 2002

