E s s a y s

EUROPA UND SEINE HEILIGEN

Meine Damen und Herren,
bevor ich auf das Thema eingehe, um das Sie mich gebeten haben, das heißt der Heiligenverehrung zur Zeit der kommunistischen Totalität, erlauben Sie mir einige theologische und kultur-philosophische Bemerkungen zum gesamten Thema unserer Konferenz: Europa und seine Heiligen.

Wir führen unsere Gespräche in einem doppelten Kontext: In diesem Jahr verlaufen aufgeregte Diskussionen über die künftige Verfassung der Europäischen Union, außer anderem auch darüber, inwieweit die christlichen Wurzeln Europas in der EU-Verfassung explizit genannt werden sollen. Und in kurzer Zeit werden wir das alljährliche liturgische Gedenken an "alle Heiligen" feiern. Ich möchte diesen doppelten Kontext in einen gegenseitigen Zusammenhang bringen. In der derzeitigen europäischen Debatte ist es doch angesagt, den "dritten Weg" zwischen dem katholischen Triumphalismus und dem militanten Säkularismus anzubieten. Und das Allerheiligenfest erinnert uns an den Unterschied und an die Beziehung zwischen der "Ecclesia triumphans" und der "Ecclesia militans".

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In meinem Beitrag auf dem diesjährigen Ökumenischen Kirchentag in Berlin habe ich zugegeben, dass mich die immer wieder wiederholte christliche Phrase "Europa die Seele zu geben" irritiert. Ich befürchte, dass es Europa von uns gar nicht erwartet. Sei Europa wohl seelenlos? Und wenn es auch so wäre, wer kann ihm die Seele geben? Die Vertreter der heutigen Kirchen oder die christlichen Parteien? Machen wir uns nicht lächerlich! Die Seele zu geben und sie wieder zurückzunehmen, dass ist doch Gottes Sache, nicht unsere. Darüber hinaus klingt das Angebot "die Seele zu geben" für meine christlichen Ohren nicht nur arrogant, sondern auch verdächtig idealistisch, ja sogar ideologisch. Ich glaube an die Menschwerdung, an die Einheit von Körper und Seele, nicht an die Seelenwanderung - nicht einmal an die Wanderung der Seele aus der Welt unserer Wünsche in die Welt der heutigen europäischen Realität oder aus der mittelalterlichen Vergangenheit in die Zukunft Europa.

Europa an seine Heiligen zu erinnern - das ist aber was ganz anderes. Das Allerheiligenfest unterscheidet sich vom Allerseelentag; die Heiligen sind nicht nur Seelen, sondern auch Körper, Gesichter, Schicksale, es sind einmalige Persönlichkeiten mit ihrem "Sitz im Leben" und mit ihrer Position in konkreten geschichtlichen Situationen. Gerade wenn wir sie mit allen Stärken und Schwächen als Kinder ihrer Zeit sehen - wenn wir im Stande sind, die Hagiographien kritisch zu lesen, in denen die Heiligen oft von allem "all zu menschlichen" und geschichtlichen kastriert wurden - sind sie uns nahe. Gerade als Gottes Antwort auf die Bedürfnisse einer bestimmten Zeit sind sie für uns - sei es oft ad admirandum, sed non ad imitandum - eine Inspiration bei der Suche nach unseren Antworten auf die Bedürfnisse unserer Zeit.

Wenn wir über das Christentum nicht nur auf dem Hintergrund von theologischen Schriften, sondern von Lebensgeschichten der Heiligen nachdenken, wendet sich unser Glaubensverständnis vom statischen zum dynamischen, vom metaphysischen zum narrativen, von der Ideologie zum Leben. Ja, auch die theologischen Lehren werden für uns oft lebhaft, wenn wir sie im Kontext der Lebensgeschichten ihrer Autoren lesen - denken wir an Augustinus, der mit diesem Bewusstsein seine Confesiones als eine Kombination von Autobiografie und Theologie konzipiert hat.

Von den "christlichen Werten" Europas abstrakt zu sprechen, heißt bald in blutlose Klischees zu verfallen. Die konkrete Form des Glaubens im Kontext der Lebensgeschichten der "Heiligen" zu zeigen, das ist aber was anderes. Statt der abstrakten Seele Europas, die auffällig an Hegels "Geist" erinnert, haben wir hier mit Gesichtern Europas zu tun.

Ja, Europa hat und hatte schon immer viele Gesichter, viel mehr als der bekannte Gott Janus. Wenn wir die europäische Identität verstehen wollen, wenn wir sie inmitten des fortlaufenden Stromes der geschichtlichen Änderungen pflegen wollen, müssen wir in die Gesichter Europas schauen - und da dürfen wir seine Heiligen nicht weglassen. Diese Glaubenszeugen haben das Antlitz Europas all zu sehr geprägt - oft sogar mehr durch das "zweite Leben", als Symbole der Tradition -, als dass wir sie einfach vergessen könnten. Das sind Schlüssel zum Verständnis von uns selben - und als solche können sie auch für diejenigen von Bedeutung und verständlich sein, die sich selbst nicht in die Familie von christlich Gläubigen zählen und sich zu keiner der Kirchen bekennen. Die Heiligen wurden zu Symbolen - die Kraft und die Vitalität der Symbole besteht jedoch darin, dass sie zu immer neuen Interpretationen herausfordern.

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Denken wir nun über den theologischen Inhalt des Allerheiligenfestes nach. Ich kann nicht den Eindruck loswerden, dass dieses liturgische Fest in der Volksfrömmigkeit als Anteil an einem großen gemeinsamen Bankett im Himmel verstanden wird - im Sinne des Negrospirituals When the saints are marching on. Jeder Heilige hat seinen Tag, seinen Festtag - warum sollten sie nicht mal ein gemeinsames Fest haben?

Genauso wenig kann ich aber den Eindruck loswerden, dass die Teilnahme an einem solchen Himmelbankett für viele Katholiken ein tatsächliches Happening wäre, eine große Überraschung, in welche Gesellschaft sie geraten sind. Jahrelang erlebe ich diesen Festtag als Fest der anonymen Heiligen - derjenigen, die noch nicht kanonisiert wurden und es wohl auch nie werden. Es können unter ihnen auch diejenigen sein, die Gott so geliebt hat, dass er sich ihre Namen und Gesichter eifersüchtig in seinem Herzen - in pectore - behalten und diese nicht einmal der vatikanischen Kongregation für die Heiligsprechung verraten hat.

Es können unter ihnen auch solche sein, die wir gut gekannt haben, die wir aber nie für heilig gehalten hätten. Aus den byzantischen Legenden wissen wir von den Narren Gottes, von denjenigen, die von den frommen Christen oft für belästigende Irren gehalten wurden, die bei den Gottesdiensten gestört haben und sich unangemessen verhalten haben - erst nach ihrem Tode begannen über die Grabe Wunder zu geschehen und Gottes Rechte hat gezeigt: Das war der einzige und der größte wirklich Heilige unter Ihnen. Vielleicht stellen wir einmal mit Überraschung fest, dass Gott die Toren seines Festmahles auch denjenigen geöffnet hat, die er geschickt hat, die Ruhe seiner Gläubigen zu stören. Ist dann nicht Pascal unter ihnen, der die Inkompatibilität zwischen dem Gott der Philosophen und Theologen und dem Gott von Abraham, Moses und Jesus so stark erlebt hat? Ist dann nicht Kierkegaard unter ihnen, der das bürgerliche Christentum seiner Zeit so provoziert hat. Oder sogar der, den seine Nachbarn in Sill Mariens, die seine Bücher nie gelesen haben, "il picolo santo" genannt haben - Friedrich Nietzsche, der Prophet des Untergangs des sicheren Gesichts Europas und der sicheren Vorstellung von Gott? Kann nicht derjenige, der seinen Zarathustra als den "Frommsten unter den Gottlosen" bezeichnet hat, unter denjenigen sein, die vor den "Gottlosesten von den Frommen" in das Himmelreich kommen?

Falls diese Überlegungen für jemanden ein all zu starker Kaffee sind, kann er die Dokumente des Zweiten Vatikanums öffnen und darin den Text darüber, dass der Heilige Geist auch hinter den sichtbaren Grenzen seiner Kirche, auch in anderen religiösen Traditionen, seine Gaben frei und reichlich verteilt - einschließlich der Gabe der Heiligkeit. Dürfen wir am Allerheiligentag nicht derjenigen Männer und Frauen gedenken, an die unsere Brüder und Schwestern in anderen christlichen Kirchen, aber auch in den Synagogen und Moscheen als an Glaubenszeugen ehrend zurückdenken?

Ich bin denjenigen sehr dankbar, die in die Allerheiligenlitanei in einem tschechischen Messbuch namentlich die Figuren der alttestamentlichen Patriarchen und Propheten eingegliedert haben; ich werde nie vergessen, wie wir mit Prager Studierenden in Jerusalem, Hebron, auf Karmel und in Bethlehem diese Litaneien gebetet haben, und darin die Invokationen heiliger Abraham, heilige Sara, heiliger Isaak, heiliger Jakob, heiliger Moses, heiliger Elija - bittet für uns.

Ja, wenn wir von den Heiligen sprechen, die Säulen Europas sind, sollten wir nicht erst bei Benedikt anfangen, sondern bereits beim "heiligen Abraham". Emanuel Levinas hat zwei große archetypische Gestalten verglichen, den Odysseus, der aus seinen abenteuerlichen Reisen stets auf die Geburtsinsel Ithaka zurückkommt - und den Abraham, der sich auf Gottes Aufforderung auf den Weg gemacht hat und wusste, dass er nie wieder zurück kommt. Ja, wenn wir die Wurzeln Europas verstehen sollen, dürfen wir den "Glaubensvater", Abraham nicht vergessen, der ein lebendiges Symbol eines "Menschen auf dem Weg" ist, eines Menschen, der immer wieder aus seinen Sicherheiten herauskommt und nach Gott sucht, obwohl er nicht weißt, "wo er hingeht".

An dieser Stelle lassen sie mich ein rabbinisches Kommentar zu der Frage in Erinnerung rufen, weshalb Abraham größer ist als Noach. Das Kommentar beantwortet die Frage mit einer Gegenfrage: weshalb zählt der Storch zu unreinen Tieren, obwohl sein Name auf Hebräisch mitleidvoll bedeutet? Weil der Storch nur mit seinen eigenen Kindern Mitleid hat. Nur mit den Eigenen Mitleid zu haben, dass ist kein Mitleid. Noach hat bei der Sintflut nur seine eigene Familie in die Arche genommen, Abraham streitet mit Gott, um Sodom zu retten. Deshalb ist Abraham größer als Noach.

Ja - rechnen wir zu den großen Archetypen Europas auch Abraham - als eine Herausforderung für unsere Verantwortung für die anderen; und vergessen wir nicht, dass uns die Geschichte Abrahams und sein Glaube mit denjenigen verbindet, die mit uns gemeinsamen unter einem Dach Europas leben, mit Juden und Moslimen.

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Der Allerheiligenfest stellt die "siegende Kirche", die ecclesia triumphans dar - und dadurch werden wir Christen auf dieser Erde, das "Volk auf dem Weg", darauf aufmerksam gemacht, dass wir die ecclesia triumphans noch nicht sind und dass wir sie nicht einmal spielen sollen. Die irdische Kirche wurde in dieser traditionellen Unterscheidung als ecclesia militans bezeichnet, als "kämpfende Kirche". Ja, wenn wir diese Bezeichnung verwenden, sollten wir daran denken, dass die Kirche auf Erden vor allem gegen zwei Versuchungen zu kämpfen hat- auf der einen Seite steht die Versuchung, sich mit der vollkommenen himmlischen ecclesia triumphans zu identifizieren, und auf der anderen Seite die Versuchung, eigene Beziehung zu diesem eschatologischen Horizont zu vergessen und in "dieser Welt" ganz heimisch zu werden, sich darin völlig aufzulösen. Immer wenn die Kirche beginnt, der einen oder der anderen Versuchung zu unterliegen, wird sie in beiden Fällen tragisch "weltlich". Wenn sie die "eschatologische Differenz" vergisst - den Unterschied zwischen der Kirche jetzt und hier und ihrer endgültigen Form hinter dem Horizont der Geschichte - und sich selbst für die "societas perfekta" in dem naiven und vulgären Sinne dieses Wortes hält, dann richtet die ecclesia militans ihren Kampf in der Regel gegen die Anderen oder gegen die Unbequemen in ihrer Mitte. Dann geht es nicht mehr um den geistigen Kampf mit eigenen Sünden, sondern um einen Kampf nach der "Logik dieser Welt", der Macht und Gewalt - ähnlich wie bei der Externalisierung des Begriffs "Djihad" im Islam. Wenn die Kirche ganz im Gegenteil in der Horizontalität dieser Welt heimisch wird und nicht mehr auf das Geheimnis hinweist, dass über unseren Alltag hinausgeht, wenn sie die Beispiele der Nonkonformität mit dieser Welt vergisst, die sie in ihren Heiligen hat, dann degeneriert sie früher oder später zu einer der vielen säkularen humanitären Organisationen. In beiden Fällen verliert die ecclesia militans - oder besser gesagt communio viatorum, die Gemeinschaft der Pilger - ihren geistigen Kampf, sie ist nicht mehr das Salz der Erde und der Sauerteig.

Die Heiligen - sei es auf Erden oder im Himmel - sind diejenigen, die diese eschatologische Differenz in Erinnerung rufen, ja verkörpern: man kann sogar sagen, dass wir gerade dank dieser Anzahl von Gerechten hoffen können, dass sich an der Kirche die Zusage Jesu erfüllt, "die Mächte der Welt werden die nicht überwältigen."

Die Heiligen sind Zeichen der Abwehr gegen die Anpassung der Kirche an die "Logik dieser Welt", sei es in Form des Triumphalismus und der Machtambitionen der Kirche, die vergisst, dass sie ein Zeichen des Himmelreichs sein soll, oder in Form der Orientierung auf rein soziale und humanitäre Tätigkeit ohne Ambitionen, die Menschen auf dem Weg ihrer geistigen Suche zu begleiten und diesen "mystagogischen" Auftrag zu erfüllen. Wenn wir über die Heiligen nachdenken, können wir uns dieser Verbindung ganz gut bewusst werden und gleichzeitig der Unterscheidung der Kirche inmitten ihrer irdischen Wanderung auf der einen Seite und der Kirche bei ihrer endgültigen Erfüllung bei der "Hochzeit des Lammes". In den Lebensgeschichten der Heiligen bricht etwas von der eschatologischen Dimension in diese Zeit durch, durch ihre Suche "antizipieren" sie das Kommen des Reiches Gottes, sie bringen die Logik in die Geschichte ein und stoßen dabei auf "allzu menschliche" Strukturen der Gesellschaft und der Kirche, die sich all zu sehr nach der Logik dieser Welt richten. Sie offenbaren dadurch den Zustand der Kirche zwischen schon und noch nicht.

Und dabei wird uns klar, warum wir - die Kirche auf dem Weg - nicht alle als Franziskus von Asissi oder Ignatius von Loyola sind, dass wir nur kaum solche sein können, dass Franziskus und Ignatius ziemlich verständlich auch im Rahmen der Kirche auf Widerstand gestoßen sind, und dass wir Gott dafür dankbar sein müssen, dass er uns solche prophetischen Gestalten sendet und dadurch die Ruhe der Kirche stört und uns dazu provoziert, nach ständig neuen Wegen des Lebens aus dem Glauben und der Nachfolge Christi zu suchen. Und zwar nicht dadurch, dass wir die Taten von Franziskus und Ignatius mechanistisch nachahmen, sondern dadurch, dass wir verstehen, dass sie eine spezifische Antwort Gottes auf die damaligen Bedürfnisse der Welt und der Kirche waren - und dass wir uns fragen, worin die "Zeichen der Zeit" heute bestehen - und wie sie zu beantworten sind. Gleichzeitig wird uns angesichts der Heiligengeschichten klar, dass die Kirche in allen Etappen ihrer Wanderung durch die Geschichte nicht nur aus Heiligen besteht, und dass auch das Sprichwort "mit Heiligen kann nur ein Heiliger auskommen" im gewissen Sinne richtig ist.

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Im Mittelalter hat die Kirche eine große Verantwortung für die europäische Zivilisation übernommen, und das Projekt "Christentum" (christianitas, Christendom) hat viele bedeutende Früchte gebracht. Die christliche Zivilisation, die im kulturellen und politischen Bereich in vieler Hinsicht Triumphe gefeiert hat, war natürlich in der Gefahr, dem "Triumphalismus" zu unterliegen - das heißt der Gleichsetzung der sichtbaren Kirche in einer bestimmten Zeit mit der vollkommenen Kirche - und zwar mit sämtlichen Folgen, die dieser Stolz mit sich bringt. Während des Anstiegs der Moderne ist dieses Projekt als eine politisch-kulturelle Erscheinung zerfallen, als Ideal wurde es aber - und zwar in einer deutlich idealisierten Form - bei einem großen Teil der Katholiken zum Gegenstand der Nostalgie. Diese haben dann, mit Segen vieler Päpste, während der gesamten Neuzeit - von der Aufklärung bis zum II. Vaticanum - den "Katholizismus" aufgebaut, die katholische Kulturwelt, als eine Gegenkultur zum siegenden Projekt der Moderne. Im Rahmen dieser Ideologie wurde auch der Kult von bestimmten Heiligen interpretiert - Jeanne d´Arc symbolisiert zum Beispiel bis heute die Verbindung des katholischen Triumphalismus mit dem extremen Nationalismus der französischen faschisierenden extremen Rechten.

Das Zweite Vatikanum hat auf den Unterschied zwischen der Kirche in jedem Moment ihrer Geschichte einerseits und der "Ecclesia triumphans" andererseits deutlich hingewiesen, es hat die Kirche mit dem alttestamentlichen Bild des Gottes Volkes auf dem Weg definiert - und in vielen Reformen versuchte es von den Symbolen und von der Mentalität des Triumphalismus wegzukommen. Eine große Tat der symbolischen Trennung vom Triumphalismus war die öffentliche Bekenntnis der geschichtlichen Schulden der Kirche - das berühmte "Mea culpa" vom Papst Johannes Paul II. am Aschermittwoch des Jubiläumsjahres 2000.

Sicher bleibt diese Wende vom Triumphalismus in gewisser Hinsicht eine "unfertige Revolution". Die größte Aufgabe scheint den Theologen in der Ekklesiologie bevorzustehen, bzw. in der Verbindung der Ecclesiologie, der Lehre über die Kirche, mit der Pneumatologie, der Lehre über den heiligen Geist. Die Kirche wird heute nicht nur als der "mystische Leib Christi" gesehen, sondern als "Ikone der Dreifaltigkeit". Der heilige Geist stellt dann jene Dynamik und die Freiheit des Wirkens Gottes weit hinter den sichtbaren, institutionellen Strukturen der Kirche dar.

Auf der anderen Seite sollte das "Aggiornamento" nach dem Konzil die sehnende Erwartung des "Punktes Omega" keinesfalls verhindern und eine unkritische Konformität mit der sekulär-humanitären Kultur der späten Neuzeit ansagen. Es ist jedoch zuzugeben, dass ein Teil der Kirche dieser zweiten Versuchung nicht standgehalten hat. Die Kritiker der postkonziliären Entwicklung stellen die Frage, ob die Reformbewegung nach dem 2. Vatikanum eine ähnliche Welle von Heiligen gebracht hat, die im Rahmen der "katholischen Reformation" nach dem Tridentinum entstanden ist. Diese Frage ist zurzeit schwierig zu beantworten. Natürlich wissen wir, dass die Gemeinschaft von Heiligen eine breitere Familie ist, als nur das Verzeichnis der selig und heilig gesprochenen Personen, obwohl der römischen Kongregation für die Heiligsprechung in den letzten Jahrzehnten niedrige Arbeitsproduktivität kaum vorgeworfen werden kann.

Meiner Meinung nach wird der langwierige Streit um die Auslegung des II. Vaticanums im Sinne der "Kontinuität" oder "Diskontinuität" mit vorherigen Etappen der kirchlichen Geschichte in der Endphase danach entschieden, welche der beiden Strömungen Persönlichkeiten hervorbringt, derer Leben aus dem Glauben überzeugend belegt, das es den "Zeichen der Zeit" in dieser Epoche der dramatischen Änderungen der Zivilisationsparadigmen entspricht.

Ja, man muss sich die Persönlichkeiten vor Augen halten, an denen sichtbar ist, welche Folgen das Wegkommen vom Triumphalismus für die Kirche hat - wie dadurch Demut, Geduld, Toleranz, Offenheit gegenüber Anderen und der Mut wachsen, ein Zeichen zu sein, ein Hinweis auf das Ziel, von dem wir noch sehr weit entfernt sind, wobei wir uns der Entfernung bewusst sind.

Dieses Zeugnis ist meiner Meinung nach auch in der derzeitigen Diskussion über die Identität Europas notwendig, da nur das die Befürchtungen derjenigen beseitigen kann, die in der Verankerung der "christlichen Werte" in die grundlegenden Dokumente der Europäischen Union nur einen Ausdruck des christlichen Triumphalismus und der Nostalgie nach der angeblich einfarbigen mittelalterlichen Christianitas sehen.

Dieses Zeugnis kann gleichzeitig eine überzeugende Antwort auf die Versuche geben, in einer "weichen" Form das zu machen, was wir in einer "harten" Form erlebt haben, und zwar den christlichen Glauben und die religiöse Dimension des Lebens aus dem Raum zu weisen, in dem die Entscheidungen über die künftige Gestalt der Gesellschaft - diesmal des vereinigten Europas gefällt werden.

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Nun also nur eine kurze Bemerkung zu dem engeren Thema, um das ich ursprünglich gebeten wurde - wie hat die Heiligenverehrung den Christen in unserem Land zur Zeit der Verfolgung geholfen.

Josef Zvìøina hat die These, die tschechische Verehrung der nationalen Patronen sei außergewöhnlich tief, mit folgender Behauptung belegt - und bis heute habe ich keine Beweise dafür gefunden, dass er sich in dieser Sache geirrt hätte - kein anderes europäisches Volk hat "Litaneien zu nationalen Patronen". Die mit der Verehrung der Patronen verbundenen Orte - einschliesslich des Denkmals des heiligen Wenzels sowie der Denkmäler von weiteren vier Heiligen im Zentrum Prags - waren auch in den härtesten Zeiten Flammen der Abwehr gegen die Totalität und eine Erinnerung an andere Traditionen der Nation als die durch die kommunistische Ideologie reinterpretierten und kanonisierten. In einer kleinen Gruppe derer, die Hälfte der Achtzigerjahre in der sog. Untergrundkirche die künftige Rolle und Verantwortung der Kirche überlegt haben, ist der Pastoralplan "Jahrzehnt der geistigen Erneuerung der Nation" entstanden, den dann mit seiner wachsenden Autorität Kardinal Tomášek unterstützt hat. Wir haben geahnt, dass angesichts der Perestroika in Moskau auch bei uns gewisse Änderungen zu erwarten sind. Keiner von uns hat jedoch geahnt, wie bald sie kommen und wie radikal sie sind. Wir waren davon überzeugt, dass die Änderungen der äußeren ökonomischen und politischen Strukturen nicht genug sind, sondern dass es gleichzeitig - und wenn möglich schon vorher - notwendig ist, die Änderung des moralischen Klimas und der Wertorientierung der tschechischen Gesellschaft, die Reform der Denk- und Lebensweise anzustreben. Ja, dieser Plan sollte nicht eine "Evangelisierung" im engeren Sinne des Wortes sein, sondern viel mehr eine "Präevangelisierung", eine Art "Labor des Lebensstils für das neue Jahrtausend". Ein weiteres Merkmal dieser Initiative bestand in ihrem ökumenischen Charakter. In den Texten, mit denen ich diese Initiative damals vorgestellt habe - und die Mitglieder der Ackermann-Gemeinde haben die Rede bei der Wallfahrt zur Ehre des heiligen Klemens Hofbauer in der Brünner Kathedrale wohl noch in Erinnerung - versuchte ich mehrmals zu betonen, dass es naiv und arrogant wäre, wenn die katholische Kirche in Tschechien die Erneuerung der Gesellschaft allein in ihre Hände, in ihre eigene Regie nehmen möchte. Die Kirche kann der Gesellschaft nur dadurch helfen, dass sie eine enge Allianz mit "allen Menschen guten Glaubens" schließt, die trotz allen Meinungsunterschieden dieselbe Verantwortung für die moralische Gesundheit der Gesellschaft empfinden - und dass die Kirche diese Bemühung um die Erneuerung der Gesellschaft im Sinne der Demut und der Reue mit einer tiefen Erneuerung ihres eigenen Lebens verbindet. Zur Eröffnung dieses Jahrzehntes hat Augustin Navrátil eine Petition für die Freiheit des religiösen Lebens vorbereitet, die dann eine der größten Unterschriftenaktionen im kommunistischen Block wurde.

Das gesamte Projekt, das auf 10 Jahre angelegt war, stützte sich auf zwei grundlegende Linien - auf zehn Themen, die von den Geboten des Dekalogs ausgehen und auf die Nationalpatrone. Das Projekt wurde als Vorbereitung auf das tausendste Jubiläum des Todes vom heiligen Adalbertus vorgestellt. Die Figur des heiligen Adalbertus wurde dann zum einen als Symbol der Verankerung der tschechischen Geschichte im europäischen Kontext interpretiert, als Symbol der kulturellen Einheit des mitteleuropäischen Raumes, zum anderen als Symbol der tragischen Schatten der böhmischen Geschichte. Der heilige Adalbertus, der zweimal seine Heimat verlassen musste und schließlich, von seinen Landsleuten abgelehnt, einen Märtyrertod im Ausland fand, war eine Erinnerung an alle Personen und Gruppen, die im Laufe der tausendjährigen Geschichte gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen. Der Hinweis auf den heiligen Adalbertus sollte deshalb nicht die Vergangenheit im Sinne des nationalen Chauvinismus heroisieren, sondern zum Mut zur Wahrheit auffordern, zur "re-lecture" der nationalen Geschichte im Sinne der Reue und der "Heilung der Narben der Vergangenheit".

Kein Messianismus, kein Triumphalismus, sondern Demut, Reform, Solidarität. All das haben wir versucht schon lange vor der Zeit zu betonen, zu der die päpstlichen Dokumente über die Vorbereitung auf das Jubiläumsjahr 2000 erschienen sind, über die Notwendigkeit, "die Narben der Vergangenheit zu heilen" etc. - die uns dann natürlich eine große Freude und Genugtuung gebracht haben.

Als wir mit Feiern anlässlich des Milleniums vom heiligen Adalbertus dieses Jahrzehnt abgeschlossen haben, waren wir uns mit Dankbarkeit dessen bewusst, was alles sich seit der Zeit verändert hat, zu der wir dieses Projekt "im Untergrund" vorbereitet und eröffnet haben. Die Kirche genießt eine vollkommene Freiheit, die vakanten Bischofsstühle wurden besetzt, es haben sich das Ordensleben und das Wirken der Kirche in Schulen, Kultur, Sozialarbeit und Medien erneuert, unser Land wurde mehrmals vom Papst besucht - und er hat dieses Projekt sehr positiv als ein "Werk der Vorsehung" bewertet, viele Initiativen, die im Rahmen dieses Projektes bescheiden und im Geheimen angefangen haben, haben ihre institutionelle Form bekommen. Aus dieser Sicht hat Gott die Gebete und Wünsche derer, die das Projekt vorbereitet haben, während dieser zehn Jahre wirklich großzügig erhört - so eine Wende hat keiner von uns erwartet. Die Feiern anlässlich der Heiligsprechung der Agnes von Böhmen, die Frucht des ersten, gerade der heiligen Agnes gewidmeten Jahres des Jahrzehntes, haben die Atmosphäre der politischen Wende 1989 wesentlich geprägt, sodass viele die "Samtene Revolution" als die "Revolution der heiligen Agnes" bezeichnet haben.

Auf der anderen Seite ist im Geiste jener Demut, Nüchternheit und Reue, wozu das Pastoralprojekt des Jahrzehnt der geistigen Erneuerung der Nation aufgefordert hat, festzustellen, dass auch dieses Projekt in vieler Hinsicht ein unerfüllter Traum blieb. Ja, jede Revolution bleibt eine "unfertige Revolution", und keine Bemühung um geistige Erneuerung kann Himmel auf Erden schaffen. - und selbstverständlich haben wir so was nicht einmal geplant und wir haben nicht erwartet, dass über Tschechien ein Heiligenschein erstrahlt.

Nichtsdestotrotz habe ich das schmerzhafte Gefühl, die Kirche habe mindestens in einem Punkt versagt. Die meisten Priester und Laien haben dieses Projekt im traditionellen Sinne verstanden, als eine Reihe von Wallfahrten zu nationalen Patronen und sie haben völlig den eigentlichen Sinn des Projektes verkannt - zu zeigen, dass sich die Christen ihrer Verantwortung für das gesamte Leben der Gesellschaft bewusst sind. Zu beweisen, dass die Kirche nicht nur ihre eigenen engen Ziele als eine Institution neben anderen Institutionen verfolgt, sondern dass sie wirklich das Salz der Erde und der Sauerteig in der Gesellschaft sein will.

Viele werfen der Kirche in Tschechien den Triumphalismus vor - die Sehsucht nach Macht und Vermögen. Ich denke, dass es bis auf einige Ausnahmen unberechtigt ist. Diese Kritik bringt wohl auf eine ungeschickte Art und Weise etwas zum Ausdruck, was schwierig zu formulieren ist, wenn man das Leben der Kirche nicht in breiteren theologischen und soziologischen Zusammenhängen sieht. Die Kirche in Tschechien/Böhmen ist eher dem anderen Extrem verfallen, dem müden Pragmatismus, sie wurde zu einer überwiegend schlecht funktionierenden Institutionen neben anderen Institutionen. Sie hat die tschechischen Gesellschaft dadurch enttäuscht, dass sie sich von ihr kaum unterscheidet, und deshalb bietet sie der Gesellschaft wenig an. Falls in ihrer Rhetorik Töne des Triumphalismus zu hören sind, ist es nicht so sehr ein Ausdruck vom Machtgier, sondern es kommt hier viel mehr die ungenügende Fähigkeit zum Ausdruck, den Stand und die Aufgaben der Kirche in dem neuen sozio-kulturellen Milieu tiefer theologisch zu reflektieren.

In der Vergangenheit habe ich zu dieser Situation unserer Kirche mehrmals eine kritische Stellung genommen - in den letzten Jahren wurde jedoch meine Kritik etwas milder, weil ich mich dessen bewusst bin, dass die Situation der Kirche in Tschechien durch die Probleme geprägt ist, die allgemein für den postkommunistischen Teil der Welt gelten, aber auch durch diejenigen, mit denen die institutionelle Religion in den meisten europäischen Ländern zu kämpfen hat. Die erste Sitzung der Plenarsynode der tschechischen katholischen Kirche hat mich neulich mit einem leichten Optimismus erfüllt - viele Bischöfe, Priester und Laien scheinen sich dessen bewusst zu sein, dass die Situation der Kirche keineswegs rosig ist, und trotzdem resignieren sie nicht. Hoffentlich kommt die Zeit für eine ernste Analyse dessen, wo die Gründe liegen und wo die Kräfte zur Änderung aufzubieten sind. Es mögen uns dabei alle Heiligen mit ihrer Fürbitte helfen.

Oktober 2003
[webmaster] - Dominik Turchich