E s s a y s

PARTNERSCHAFT ZWISCHEN OST UND WEST

Traum des Papstes vom Osten

Die Wahl des polnischen Kardinals zum Papst im Oktober 1978 hat bedeutend die Mauer durchgebrochen, die den europäischen Westen vom Osten trennte. Karol Wojtyla hat das Herz der Kirche mit der Sehnsucht ostmitteleuropäischer Nationen erfüllt, "aus der babylonischen Gefangenschaft" des sowjetischen Reiches auszugehen, und wusste diese Sehnsucht mit suggestiven Bildern zum Ausdruck zu bringen, die zu Programmschlagworten wurden: gemeinsames Haus Europa, Europa vom Atlantik bis zum Ural, Europa, das mit beiden Lungen atmet....

Diese päpstlichen Aufforderungen zur europäischen Einheit und seine Betonung menschlicher Rechte haben glücklich mit den Motiven koinzidiert, die in politischer Philosophie osteuropäischer Dissidenten erklungen sind, ebenso wie in Rhetorik und später in außenpolitischer Strategie amerikanischer Präsidenten Carter und Reagan und schließlich in dem Versuch von Gorbatschow, das sowjetische Regime zu reformieren. In der psychologischen und moralischen Atmosphäre, die durch den ersten Besuch vom Johannes Paul II. in seiner polnischen Heimat hervorgerufen wurde, ist die Gewerkschaftsorganisation Solidarnost entstanden, die das kommunistische Machtmonopol im sowjetischen Block zerstört hat. Bis zu jener Zeit kam der Widerstand gegen die totalitären kommunistischen Regime entweder in unzähligen Gruppen von Intellektuellen, bzw. durch spontane Aufstände der Arbeiter zum Ausdruck, die nicht im Stande waren, ihre politischen Aufforderungen präzise zu formulieren und zu verteidigen. In Polen sind unter kirchlicher Assistenz und oft auf ihrem Boden non-konforme Intellektuelle mit unzufriedenen Arbeitern zusammengekommen und bildeten eine Massenorganisation, die den Totenschein des Kommunismus zu schreiben begonnen haben. Nicht einmal die "Autoinvasion" des Generals Jaruzelsky konnte (und wahrscheinlich war es nicht einmal sein Ziel) das "Normalisierungsregime" bilden, das aus der Tschechoslowakei nach der sowjetischen Okkupation allmählich "Absurdistan" und "Biafra des Geistes" gemacht hat.

Einige Jahre später, nach der Lawine der Emigration aus der DDR und Massendemonstrationen, die oft in protestantischen Kirche angefangen haben, ist die Berliner Mauer gefallen. In Prag kam es zu der "Samtrevolution" gerade eine Woche nach der Heiligsprechung der nationalen Patronin Agnes von Böhmen. Ihre Kanonisierung wurde auch vom ungläubigen Teil der Bevölkerung als Feier der Hoffnung und Morgenröte der geistigen Freiheit empfunden. Die kommunistischen Regime in Ostmitteleuropa sind überraschend einfach und schnell zerflossen - wie ein Schneeflocken auf der heißen Hand.

"Die Rechte des Herrn bewies seine Kraft" - die Christen haben den engen Raum verlassen, der ihnen von den atheistischen Regimes aufgezwungen wurde, und erinnerten sich an die Worte des Psalms: "Als der Herr das Los der Gefangenschaft Zions wendete, da waren wir alle wie Träumende". Der Traum des polnischen Papstes über einheitliches Europa schien politische Wirklichkeit zu werden. Unter neuen Bedingungen schien es möglich zu sein, weitere Visionen vom Johannes Paul II. umzusetzen - "Gabentausch zwischen Ost und West" und "neue Evangelisierung Europas".

Angesicht der neu geöffneten Freiheit wurde es jedoch manchen schwindelig. Der scharfe Wind der Freiheit hat neue Probleme und neue Fragen mit sich gebracht.

Wer hat den Kommunismus besiegt?

Bei der Wende im Herbst 1989 hat auf jeden Fall der Kommunismus verloren. Es ist jedoch gar nicht einfach, den Sieger zu bestimmen. Sicherlich war es keine Kraft innerhalb der vom Kommunismus beherrschten Länder. Darin liegt wohl einer der Gründe, warum manche Bürger dieser Staaten Freiheit und Demokratie weniger schätzen, als man erwarten würde. Die Befreiung kam eher "vom außen", als durch eigene Bemühung, obwohl wir das Leiden und die Taten mancher Gegner des Kommunismus nicht banalisieren wollen.

Die Dissidentenbewegungen wurden zum Symbol der Bewegung im moralisch-kulturellen Bereich. Sie stellten jedoch nicht die politische Kraft dar, die die Revolution durchgeführt hat. Es wurden hier verschiedene Gedanken artikuliert, die zu politischen Programmen wurden, und es haben sich von hier Persönlichkeiten und Gruppen rekrutiert, die den Sturz kommunistischer Regime beschleunigt und einen meistens schnellen und gewaltlosen Übergang der Macht ermöglicht haben. Diese Bewegungen wurden jedoch nicht zum eigentlichen Subjekt und zum entscheidenden Träger politischer Änderungen - nicht nur Normalbürger, sondern auch die "Leiter der Opposition" wurden meistens dadurch überrascht, wie schnell und einfach die politischen Änderungen gekommen sind. In der Vergangenheit kam es zu so durchgreifenden politischen Änderungen meistens in Folge von Weltkriegen, internationalen oder bürgerlichen Kriegen und Aufständen, die durch Befreiungsbewegungen geführt wurden. Die Einfachheit, Schnelligkeit und der "Samtcharakter" der Serie politischer Wenden im Herbst 1989 lässt darüber zweifeln, ob wir überhaupt das Wort "Revolution" benutzen können. Die äußere Form dieser Änderungen erinnert eher an die friedliche Machtübergabe, zu der es bei der Umwandlung autoritativer rechter Systeme in liberale Demokratien kam (z.B. in Portugal, Spanien, in Philippinen und in Chile). Trotzdem handelte es sich in Ostmitteleuropa - und zwar nicht nur auf der wirtschaftlichen Ebene - um viel radikalere Änderungen,.

Zum Endsieger wurde jedoch nicht der westliche Liberalismus, wie es Francis Fukuyama in seiner berühmten Erörterung über das Ende der Geschichte prophezeit hat. Zuerst hat es den Eindruck geweckt, dass der Westen die "befreiten" armen Verwandten einfach integriert und der ehemaligen "anderen Welt" wirtschaftliche Hilfe und notwendiges Know-how anbietet, damit das gesellschaftliche System möglichst schnell transformiert werden kann. Es hat sich jedoch gezeigt, dass der politische und ökonomische Liberalismus besonders in denjenigen Ländern schwierig zu implantieren ist, in denen es an demokratischen Traditionen fehlt.

Eine weitere Überraschung bestand darin, dass sich das westliche System selbst nach dem Zerfall der bipolaren Welt in einer neuen und sehr anspruchsvollen Lage befunden hat. Die Identität des Westens wurde durch den Sturz des Kommunismus geschwächt. Der Westen war nicht mehr negativ zu definieren - als Gegensatz zum kommunistischen Osten. Die Frage, welche die gemeinsamen entscheidenden Werte der euroatlantischen Zivilisation sind, ist jedoch nicht einfach zu beantworten. Muss die westliche Identität von seiner Vergangenheit, von kulturellen Traditionen abgeleitet werden, oder ist es möglich, den gegenwärtigen "Wechsel von Zivilisationsparadigmen" zu benennen?

Der Evolutionsoptimismus eines kontinuierlichen Fortschritts ist zusammen mit allen anderen Göttern der Moderne gestorben. Der heutige Prozess der Zivilisationsänderungen ist nur auf Grund des Schlüsselwortes Globalisierung zu verstehen.

Handelt es sich dabei um einen neuen Mythos, oder sogar - wie manche Muslime behaupten - nur um ideologisches Instrument des westlichen Imperialismus auf der kulturellen, ökonomischen und politischen Ebene? Oder geht es um Schlüssel zur Interpretation europäischer Änderungen in einem breiteren Kontext, im Kontext der ganzen Welt? Ich stimme der anderen Antwort zu. Wenn ich mit Abstand von mehr als zehn Jahren vor der Frage nach der "unglaublichen Leichtigkeit" stehe, mit der der europäische Kommunismus gefallen ist, muss ich sagen, dass der Kommunismus gerade und nur durch die Globalisierung gestürzt wurde.

Der Zerfall des Kommunismus war eine Nebenfolge des Prozesses ökonomischer Integration und sozioökonomischer Änderungen, dem die auf einem rigiden Führungssystem beruhenden Regime nicht gestehen konnten. Die herrschenden kommunistischen Kreise waren nicht bereit und im Stande, mit ihren Bürgern zu kommunizieren, und haben die Kraft verloren, sie zu kontrollieren. Angesichts der Informationsexplosion war es nicht mehr möglich, eigene Bürger in Isolierung und im ideologischen Schema eigener Propaganda gefangen zu halten. Die kommunistischen Regierungen konnten die Bürger keineswegs motivieren und ihnen weder auf der geistigen, noch auf der materiellen Ebene etwas anbieten. Die Staaten des Realsozialismus sind aus wirtschaftlicher Sicht rasch in Rückstand geraten. Zur Unzufriedenheit der engen Schicht der Intellektuellen, die seit langem Freiheit in Kultur gefordert haben, kam immer tiefere Apathie und Passivität breiterer Schichten hinzu.

Bei all diesen friedlichen Verwandlungen autoritativer und totalitärer Staaten in demokratische Gesellschaften hat auch Kirche (Hierarchie oder bestimmte christliche Gruppen) gewisse, ihrer Bedeutung in jeweiligem Land entsprechende Rolle gespielt. In einigen Ländern - wie z.B. in der Tschechoslowakei - hat die katholische Kirche nach dem Sturz des programmatisch atheistischen Regimes größere Sympathie und Popularität genossen, als es während des ganzen Jahrhunderts der Fall war, und wurde mit positiven Erwartungen verbunden.

Es wäre logisch vorauszusetzen, dass gerade die katholische Kirche, "die erste wirklich globale Institution in der Geschichte", zu dem Milieu wird, in dem sich verschiedene Nationalkulturen fruchtbar treffen und in dem sich der Globalisierungsprozess von einer kalt ökonomisch-politischer Integration in den Prozess kultureller, geistiger Kommunikation wird. Gerade in der Beziehung der Christen in postkommunistischen Ländern zum Westen sind nach dem Fall der Berliner Mauer neue Gräber und Barrieren von Bedenken und Vorbehalten entstanden.

Störungen in Kommunikation zwischen Ost und West

Zuerst sollte betont werden, dass sich bei der Bezeichnung "Ost" und "West" zwei Grenzen durchdringen - einerseits die historische Teilung der lateinischen und griechisch-byzantischen Richtung des Christentums, andererseits die aufgezwungene Eingliederung mancher osteuropäischen Länder mit westlicher Kulturtradition in die Machtsphäre des sowjetischen Imperiums. (Nach einer tschechischen Anekdote sollte Stalin und Breznew der Nobelpreis für Kardiologie erteilt werden, weil es ihnen gelungen ist, das Herz Europas in den Verdauungstrakt der Sowjetischen Union zu transplantieren.)

Gerade im Rahmen der so heiß begehrten "Rückkehr nach Europa" haben sich die Christen in postkommunistischen mitteleuropäischen Ländern innerlich getrennt, je nach ihrer Beziehung zum "Westen" und zur "westlichen Kirche". Diejenigen, die sich bereits während totalitärer Regime unter großem Risiko bemüht haben, die von Kommunisten aufgezwungene Isolierung hiesiger Kirchen von der Entwicklung der Weltkirche und von anderen Sphären der Gesellschaft (vor allem vom demokratischen und kulturellen Dissent) zu überwinden, waren auf den freien Meinungsaustausch in der Regel gut vorbereitet. Für diejenigen, die sich für ruhiges Überleben in pietistischer Idylle des Gartens privater Frömmigkeit oder sogar für den Weg großer Kompromisse und Kollaboration entschieden haben, kam es nach 1989 zur "Agorafobie" (Angst vor freiem Raum) und zu Kulturschocks bei der Konfrontation mit dem gegenwärtigen westlichen Christentum.

Die Aufforderung des Papstes, den Dialog und "Gabentausch" zwischen den Christen im Westen und Osten zu betreiben, wird in Ostmitteleuropa durch die "Angst vom Westen" vereitelt. Im Hintergrund dieser Angst stehen oft Minderwertigkeitsgefühle oder verdrängtes Bewußtsein des Mangels an Bildung und an Erfahrungen mit Leben in einer entwickelten freien Gesellschaft. Der unmittelbare Anstoß besteht im Trauma aus einigen Krisenerscheinungen der westlichen Kirche, die dann unberechtigt generalisiert werden. Diese Angst führt zu Versuchen, sich vom Westen zu isolieren. Solcher Isolationismus bringt katastrophale Nichtbereitschaft für manche Erscheinungen und Situationen mit sich, mit denen westliche Kirche viele Erfahrungen gemacht hat und die früher oder später auch im Osten Europas auftreten, falls sie hier nicht bereits präsent sind.

Der jesuitische Theologe Henri Carrier, der ehemalige Sekretär des Päpstlichen Rates für Kultur, unterscheidet dreierlei Beziehung zwischen dem Glauben und der Kultur, mit anderen Worten: zwischen der Kirche und der Gesellschaft. Der erste Typ der Beziehung besteht in "Identität" - in der traditionellen Gesellschaft, in der sich der Glauben und die Kultur der Gesellschaft gegenseitig auf verschiedenste Weise durchdringen und unterstützen. Der zweite Typ wird als "Bruch" bezeichnet: es kommt zum Konflikt zwischen dem Glauben und der gesellschaftlichen Mehrheitskultur - diese Beziehung kommt vor allem in Zeiten der Kirchenverfolgung vor. Der dritte Typ betrifft die Situation der Kirche in einer pluralistischen Gesellschaft. Jede dieser Situation erfordert einen anderen Stil der Seelsorge, andere Prioritäten, jede hat eigene Vor- und Nachteile. Die Kirchen in Ostmitteleuropa haben vor einigen Jahren die Situation des Konflikts verlasssen. Manche Christen haben wohl unwillkürlich erwartet, dass die Kirche nach Ende des Kommunismus in die Situation der "Identität" zurückkehrt, in die traditionelle Gesellschaft. Diese Gesellschaft ist jedoch vorbei, bzw. wird radikal überwunden. Wir leben in einer pluralen Gesellschaft.

Manche Katholiken wurden von der neuen Situation soviel verwirrt, dass sie sich gegenüber ihrer Umwelt mit derselben Taktik der "Rundabwehr" verhalten, die sie bei der Konfrontation mit kommunistischer Totalität erlebt haben. Manchmal liegt die Ursache der Widerstands- und Abwehrstrategie in Beharrlichkeit, Müdigkeit, intelektueller Schwäche, in Unfähigkeit, "Zeichen der Zeit" zu verstehen, im Mißtrauen gegenüber Demokratie, das in der Zeit vor dem Konzil seine Wurzeln hat, und schließlich in Unfähigkeit, "ohne einen Feind zu leben". Solche Christen unterscheiden sich aber nicht viel von anderen Gruppen in der Gesellschaft, die durch die "Psychologie eines freigelassenen Gefangenen" belastet sind.

Die Beziehung der Christen ihrer Umwelt gegenüber entspricht oft ihrer Kirchenauffassung. In der Kirche ist leidenschaftliche Debatte zwischen Anhängern der Demokratisierung der Kirche und denjenigen entflammt, die ihre hierarchische Struktur betonen. Ich persönlich finde beide Positionen einseitig: aus soziologischer Sicht ist die Kirche als eine seltsame Kombination der hierarchischen, demokratischen und charismatischen Struktur zu verstehen.

In vielen postkommunistischen Ländern wird auch die Beziehung zwischen Kirche und Staat neu geregelt; in der Tschechischen Republik wurde diese Frage heftig diskutiert. Dem Katholizismus in Ostmitteleuropa ist es nicht gelungen, das Vakuum nach dem Fall des Kommunismus zu erfüllen. Im Unterschied dazu war solcher Versuch nach dem Ende des Nazismus in Deutschland erfolgreich. Der Dialog zwischen der Kirche und liberalen Demokraten, bzw. postkommunistischen Sozialisten geht hier nicht nach vorne. Solche Diskussion zwischen Repräsentanten der Kirche und des Staates konzentrieren sich oft auf äußere und sekundäre Probleme im ökonomisch-rechtlichen Bereich, hinter denen sich jedoch eine viel tiefere und wichtigere Frage verbirgt: welche Rolle kann die Religion und religiöse Institutionen im künftigen Europa, und besonders dann in Ostmitteleuropa spielen? Soweit diese Frage nicht beantwortet wurde, können nicht einmal die rein praktischen Fragen des ökonomisch-rechtlichen Rahmens für die Tätigkeit der Kirchen verantwortlich gelöst werden.

Bisher sind beide Varianten offen: das konstruktive Modell (das geistige und moralische Potenzial der Religion kann die demokratische Gesellschaft bereichern, die Kirchen werden in die Gesellschaft integriert), aber auch das negative Modell (die religiösen Institutionen werden zu einer Art Sekten, die in Isolation, am Rande der Gesellschaft Quelle der "Kontrakultur" sind). Die Situation, zu der es am Anfang des neuen Jahrtausends kommt, stellt wohl einen Kompromiß zwischen diesen beiden "idealen Polen" dar. Ob sie dem einen oder dem anderen näher steht, hängt einerseits von der Fähigkeit der Kirchen ab, ihre gesellschaftliche Rolle in neuer geschichtlicher Situation neu zu definieren, andererseits von den Fähigkeiten derjenigen, die öffentliche Meinung bilden und politische Entscheidungen in der Richtung treffen, dass die Kultur des Dialogs zwischen Leuten und Institutionen mit verschiedenen ideellen Ausgangspunkten zu pflegen ist.

Kardinal Ratzinger hat zwei Grundsätze für die Anwesenheit der Kirche in einer pluralen Gesellschaft festgelegt. Die Kirche kann sich nicht die Positionen eines Interessenverbands "der Bürger mit religiösen Bedürfnissen" aufzwingen lassen, sie kann nicht darauf verzichten, unvertretbar wichtige Dimension des menschlichen Lebens zu repräsentieren - die religiöse Dimension und die Werte, die die geistige Grundlage der Kultur und Humanität bilden. Auf der anderen Seite nimmt die Kirche demokratische Regeln auf: sie wehrt sich davon, bei ihrem Wirken eine andere Macht außer der Macht der Wahrheit zu benutzen. Sie fordert Freiheit, gleichzeitig achtet sie jedoch auf freien Willen und freie Überzeugung jedes Menschen. Sie ist sich dessen bewußt, dass ihre Verkündung des Evangeliums und ihr eigenes Zeugnis überzeugend sein müssen. Sonst hat sie in der demokratischen Gesellschaft keine Chance.

Meiner Meinung nach hat die Kirche - trotz aller heutigen Schwierigkeiten, besonders derjenigen mit ungenügender Kommunikation zwischen beiden großen ideellen Flügeln, die an die Situation vor dem großen religiösen Schisma erinnert - gerade am Anfang des neuen Milleniums eine einzigartige Chance. Genauso wie sie "Christianitas", die mittelalterliche Einheit von Religion, Kultur und Politik, die "christliche Zivilisation" verlassen mußte, scheint auch die heutige neuzeitliche Form des "Katholizimsus" als einer Weltansicht, eines "-ismus" unter anderen "-ismen" immer enger zu sein. Sie kann zu einer neuen Aufgabe, zu einer neuen geschichtlichen Gestalt Atem holen. In der globalisierten Welt kann sie eine besonders wichtige Rolle dadurch spielen, dass sie die Kommunikation zwischen beiden Welten vermittelt, die voneinander getrennt sind, zu denen jedoch gerade die katholische Kirche Brücken der Verständigung bauen kann. Auf der einen Seite steht die westliche Welt des säkularen Humanismus, mit der die katholische Kirche auf dem Zweiten Vaticanum ein Gentleman´s Agreement abgeschlossen hat. (Obwohl diese Aufgabe in mancher Hinsicht unvollendet blieb.) Auf der anderen Seite steht die Welt großer Religionen, von denen vor allem Islam und Buddhismus immer größere Rolle auch außerhalb ihres traditionellen Einflußgebietes spielen. Im interreligiösen Dialog wurden der Kirche vor allem dank dem Pontifikat vom Johannes Paul II. Perspektiven geöffnet. Wird es der katholischen Kirche gelingen, an die viel versprechenden Anfänge anzuknüpfen, und so zusagend die eine Hand der westlichen "nachchristlichen Welt" und die andere Hand der Welt außereuropäischer Religionen und Spiritualitäten anzubieten? Gerade katholische Kirche scheint die einzige Gemeinschaft zu sein, die mit beiden Welten eindeutige Berührungspunkte hat.

Ich bin davon überzeugt, dass die Kommunikationsprobleme zwischen den Christen im Osten und Westen in diesem breiteren Kontext verstanden werden sollten.

April 2000
[webmaster] - Dominik Turchich