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WAS HÄLT EUROPA ZUSAMMEN?

Fast alles, was wir von Europa sagen, kann Streit hervorrufen. Wo liegen seine Grenzen? Wo der Beginn seiner Geschichte? Wo sind jene "europäischen Werte", auf die wir uns so gern berufen? Eines ist klar: Europa ist wesentlich Verschiedenartigkeit, Vielfalt. Europa ist ein Horizont, zu dem wir vor allem dann aufschauen, wenn unsere Verschiedenartigkeit unerträglich geworden ist, wenn sie in Konflikte mündet, die wir überwinden wollen. Europa ist ein Traum, den wir aus der Tiefe des geschichtlichen Gedächtnisses hervorrufen, wann immer es uns nach Frieden und Versöhnung verlangt. Vor allem in solchen Momenten berufen wir uns auf das gemeinsame europäische Erbe.

Einer der großen christlichen Propheten des 20. Jahrhunderts, Dietrich Bonhoeffer, der Ende des Krieges hingerichtet wurde, schrieb einmal, die Frage des geschichtlichen Erbes sei keine Frage ewig geltender Werte der Vergangenheit, sondern eher eine Frage der Verantwortung des geschichtlichen Menschen für die Gegenwart. In diesem Geiste möchte ich heute mit Ihnen über die Identität Europas nachdenken, darüber, was Europa zusammenhält.

Im Zusammenhang mit der fortschreitenden Integration Europas hören wir aus dem Munde von Christen oft den Aufruf, "Europa eine Seele zu geben". Ich kann mir nicht helfen: je häufiger ich diese gut gemeinte Losung höre, desto mehr erscheint sie mir als oberflächliche, vielleicht sogar arrogante Phrase.

Ist denn Europa seelenlos? Und auch wenn es das wäre, hat denn jemand - einschließlich der ehrwürdigen Kirchenmänner oder frommen Staatsmänner - eine solche Macht, dass einer von ihnen Europa eine Seele versprechen und anbieten könnte? Bietet denn nicht jener, der eine Seele verspricht, lediglich eine Ideologie an? Kein Mensch, keine Institution - auch nicht die Kirche - kann eine "Seele einhauchen"; aus Goethes Faust wissen wir, dass es auch kein einfaches Unterfangen ist, jemandem die Seele zu rauben, denn im letzten Moment kann dies derjenige verhindern, der allein eine Seele einhauchen und retten kann.

Bei der Umgestaltung und Erweiterung der Europäischen Union richtete sich sicher das Hauptaugenmerk auf den "Körper Europas" - die politischen, wirtschaftlichen und administrativen Strukturen; es kann so den Anschein erwecken, dass die "Seele Europas" im Schatten der Aufmerksamkeit steht. Gründet sich aber nicht der Mut zu allen heutigen radikalen Operationen und Veränderungen am Körper Europas auf die unausgesprochene Voraussetzung, dass es eine Art einigendes Tiefenprinzip gibt, das auch wirkt, das dem Begriff Europa Sinn verleiht, die stille Kraft der inneren Anziehung, die gerade innerhalb aller Veränderungen Europa zusammenhält? - mit anderen Worten: dass Europa nicht seelenlos ist und es auch nicht sein kann? Europa hat es nicht nötig, dass wir ihm "eine Seele einhauchen", wir jedoch müssen lernen, seine Seele zu verstehen, wir müssen sie suchen - und für sie sorgen. Der tschechische Philosoph Jan Patoèka sah in der Fürsorge für die Seele das Wesen Europas; seiner Meinung nach wurde Europa in dem Moment geboren, als in Griechenland die Fürsorge für die Seele als wichtigste Berufung des Menschen und als Sinn der Gemeinde (polis) angesehen wurde.

Wenn wir also von der Seele Europas sprechen, so sind wir uns alle dessen bewusst, dass wir eine Metapher verwenden, und zwar eine komplizierte und sehr bedeutungsreiche Metapher, denn auch auf anthropologischer Ebene würden wir keine einfache Übereinkunft darüber erzielen, was genau wir mit dem Wort Seele meinen. Hüten wir uns jedoch davor, diese Metapher zu schnell zu streichen, indem wir den Begriff "Seele Europas" durch Worte wie Kultur, Religion, Spiritualität, Philosophie usw. ersetzen. Lassen wir erst einmal die gesamte bunte Skala von Assoziationen klingen, die dieser Begriff hervorruft.

Nach archaischen Vorstellungen - auf die wir in der Bibel treffen - sitzt die Seele im Blut. Europa hat in seiner alten und jüngeren Geschichte häufig geblutet, viele Europäer haben mit Blut - auch mit dem Blut anderer! - Verträge mit den Mächten des Bösen unterschrieben; die Seele Europas wurde von Leidenschaften, Lastern und Wahnsinn aller Art erschüttert, die seinen Körper verwüsteten und auch die ihn umgebende Welt in vernichtende Strudel hineinzogen. Vielleicht zeigt es sich uns am deutlichsten gerade dort, wo wir seine blutigen Wunden nicht vergessen.

Hier in Berlin begann und endete in Feuer und Blut das tragische Projekt eines "neuen Europa". Diese Stadt wurde dann für einige Jahrzehnte vom ausdrucksstärksten und absurdesten Symbol der Teilung Europas und der Welt getrennt, die Berliner Mauer - und ihr Fall wurde zu einem Symbol der Hoffnung auf eine endgültige Einigung unseres Kontinents. Von Berlin aus war zweimal - im Frühjahr 1945 und im Herbst 1989, auf völlig unterschiedliche Art - das Einstürzen zweier babylonischer Türme totalitärer Systeme in der ganzen Welt zu hören, und zweimal weckte es die große Entschlossenheit, die Sprachverwirrung zu überwinden, die Trümmer aus der europäischen Seele fortzuschaffen, neu und anders zu beginnen. Wo sonst sollten wir über die Seele Europas nachdenken, wenn nicht in Berlin, wo wir die Wunden und Hoffnungen unseres Kontinents mehr als anderswo berühren?

Die klassische Metaphysik unterschied drei "Dimensionen der Seele": Gedächtnis, Verstand und Willen. Fragen wir also nach der Seele Europas, können wir uns fragen, was mit dem europäischen Gedächtnis, der Rationalität und dem Willen passiert ist. Oder, wenn wir eine modernere Auffassung von "Seele" bevorzugen: was ist mit ihrem Bewusstsein und ihrem Unterbewusstsein, mit ihrem Wissen und Gewissen geschehen? Und wenn wir Christen sind: was ist mit ihrem Glauben, ihrer Hoffnung, ihrer Liebe passiert? In welchem Maße beeinflussen diese "göttlichen Tugenden" noch die "Seele Europas"? Denn dies alles sind Strukturen und Kräfte, von denen zu erwarten ist, dass sie Europa zusammenhalten. Oder sind dies alles nur leere Worthülsen, und ein geeintes Europa kann nur eine Gemeinschaft mit einer gemeinsamen Währung und Stempeln für eine Unmenge an amtlichen Urkunden sein? Wäre dann aber das "gemeinsame Haus Europa" nicht zu kalt und zu unheimlich und würde nicht drohen, dass "Europa, das durch beide Lungen atmet", plötzlich ernsthaft an einer gefährlichen Lungenentzündung erkrankt?

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Erster Schritt: Die Gesundung des Gedächtnisses - ein hermeneutischer Kreis zwischen Gedächtnis und Gewissen

Gibt es wirklich so etwas wie ein gemeinsames Gedächtnis Europas?

Die bedeutende französische Soziologin Daniéle Hervieu-Léger behauptet, die Religion sei das Gedächtnis einer Gesellschaft. Die Säkularisierung der europäischen Gesellschaft sei in Wirklichkeit eine Zerstückelung und Schwächung des Gedächtnisses. Fügen wir dem hinzu: die Modernisierung ist ein Prozess, durch den das Hauptaugenmerk aus der Vergangenheit, der Tradition, aus der seit Urzeiten gewachsenen Autorität, auf das übertragen wird, was in die Zukunft weist. Es ist der Weg des Verstandes von einer Gemeinschaft mit Gedächtnis zu einer Gemeinschaft mit Willen, ein Heraustreten aus dem Reich der Traditionen und ein Eintreten in die Welt des Experiments - der Durchbrüche in ein nicht erprobte Zukunft.

Die europäische Faszination durch die Zukunft ist ein Erbe der eschatologischen Ausrichtung des christlichen Glaubens. Die biblische Verheißung führte den Menschen aus dem Karussell einer ständigen Rückkehr derselben Dinge heraus und richtete seinen Blick auf die Zukunft. Schrittweise ging die Erwartung der Rettung und der endgültigen Erfüllung vom Horizont der Ewigkeit in die geschichtliche Zukunft über. Joachim von Fiore übertrug im 12. Jahrhundert das Geheimnis der göttlichen Dreieinigkeit auf die Geschichte und brachte in das europäische Wissen den Archetypus der nahen Erwartung des Zeitalters des Heiligen Geistes ein, der in verschiedenen Verwandlungen immer wiederkehrt. Europa ist die Mutter der Revolution, der Utopien und der Ideologie des Fortschritts. Von den anderen Zivilisationen, die sich durch ihre Altertümlichkeit legitimieren und die auf die Vergangenheit gerichtet sind, unterscheidet es der Wille zu Neuem: gerade diese Zukunftsorientiertheit, bereits in der säkularen Form des Glaubens an den Fortschritt, hat Europa an seine Erben weitergegeben - an die Vereinigten Staaten von Amerika und an das sowjetische Russland. Revolutionen, Utopien und Fortschrittsglaube haben die Tendenz zu vergessen, die Vergangenheit der Zukunft zu opfern. Wird die Zukunftsgewandtheit von Gewalt begleitet, besteht hier ein Grund mehr zur Zensur des kollektiven Gedächtnisses. "Die Geschichte wird von den Siegern geschrieben" - und diese sind in der Regel bereit, nur an die Opfer zu erinnern, die sie selbst gebracht, und nicht an die Opfer, die sie bewirkt haben.

Säkularisierung und Nationalisierung gingen in Europa Hand in Hand: das europäische Gedächtnis wurde schwächer, zersplitterte - und es nationalisierte sich auch. Die Erneuerung des gemeinsamen europäischen Gedächtnisses geht von einem erwachten Gewissen aus. Führen wir uns den hermeneutischen Kreis zwischen Gedächtnis und Gewissen vor Augen. Über uns selbst Bescheid zu wissen, eine eigene Identität zu haben, selbstbewusst zu sein und es zu verstehen, uns anderen zu zeigen, uns ihnen vorzustellen, bedeutet, die eigene Geschichte zu kennen, die eigene Lebensgeschichte erzählen zu können - das gilt auf persönlicher, familiärer, nationaler und auch europäischer Ebene. Aber was ist das für ein Wissen ohne Gewissen? Nur das Licht des Gewissens kann die dunklen Ecken unseres Gedächtnisses durchdringen, vor allem die des "kollektiven Bewusstseins", das in der Regel beängstigend schwächer wird, wenn es sich beispielsweise daran erinnern soll, was unsere Wege zu einem "helleren Morgen" andere gekostet haben. Und gleichzeitig muss unser Gewissen in die Schule unseres geschichtlichen Gedächtnisses gehen, um nicht abzustumpfen, damit es sich nicht von Ideologien und Mythen narkotisieren lässt, mit dem sich einzelne Völker Selbstbewusstsein schaffen.

Die Bemühungen, ein gemeinsames europäisches Wissen und Gewissen erwachen zu lassen, ist eine notwendige Tiefendimension der europäischen Integration, und diese kommt nicht ohne eine Reform der nationalen und konfessionellen Geschichtsschreibung aus. Es geht jedoch nicht nur um eine Revision der Lehrbücher. Es geht um die Kunst, die eigene Geschichte auch aus der Perspektive der anderen zu lesen, was einen schmerzhaften Eingriff in die Grundpfeiler des eigenen Selbstbewusstseins, eine Infragestellung der eigenen Identität bedeuten kann.

Ich erinnere mich an einen Durchbruch - den Austausch von Briefen zwischen polnischen und deutschen Bischöfen und an einen Dialog zwischen tschechischen und sudetendeutschen Christen, an dem ich mich mehr als zehn Jahre beteiligen durfte. Das Schuldeingeständnis in der Geschichte der Kirche, wie es Johannes Paul II. am Beginn der Fastenzeit des Jahres 2000 getan hat, ist für mich eines der größten geistlichen Ereignisse des 20. Jahrhunderts und der gesamten Kirchengeschichte. Es gibt Schuld, Schäden und Narben der Geschichte, die sich nicht auf materieller und rechtlicher Ebene wiedergutmachen lassen, ohne dass es zu weiteren Ungerechtigkeiten kommt und die auch die rein psychologische Ebene übersteigen, wenn die Teilnehmer an diesem Dialog schon die Nachfahren oder "kulturellen Erben" der direkten Beteiligten langjähriger Streitigkeiten sind und nicht mehr die direkte Verantwortung für die Ereignisse, über die sie reden, tragen. Trotzdem ist gerade die Fähigkeit, sich in die Leiden anderer hineinzuversetzen und sich von ideologischen, nationalen und konfessionellen Stereotypen der Auffassung von Geschichte (eigene Traditionen und Gruppenidentitäten) freizumachen, ein wichtiger Bestandteil unserer Verantwortung für die Gegenwart und die Zukunft. Wenn eines der schwerwiegenden Argumente für die europäische Integration die Konfliktvorbeugung und die Erhaltung des Friedens ist, dann sind gerade die "Läuterung des Gedächtnisses", zu der Johannes Paul II. nachdrücklich an der Schwelle zum neuen Jahrtausend aufgerufen hat, und die Fähigkeit jenes "compassio" und der "Solidarität mit den Opfern", von der J. B. Metz und weitere Theologen schreiben, eine unglaubliche Werteinlage in die geistlichen und moralischen Grundmauern des geeinten Europa. Ein wichtiger Bestandteil der Geschichte ist auch, wie wir die Geschichte verstehen. Ich bin überzeugt davon, dass die Fähigkeit, Gedächtnis und Gewissen zu verbinden und sich der Geschichte zu stellen, als sei sie eine lebendige, offene Tatsache, eine der deutlich hervortretenden Charakterzüge des europäischen Menschentums ist.

Meine Generation kann sich noch gut daran erinnern, wie in den Ländern unter einer kommunistischen Regierung die Lehrer in der Schule manches Mal Feder und Tusche an uns verteilten und wir bestimmte Stellen in den Geschichtslehrbüchern schwärzen mussten, denn die Auslegung der Geschichte wurde zensiert und änderte sich je nach Bedarf und auf Anweisung der kommunistischen Obrigkeit. Später wurde ich mir bewusst, dass es nicht nur in Diktaturen blinde Flecken in der Betrachtung der nationalen Geschichte und der Weltgeschichte gibt und dass nur ein ehrlicher Dialog jenes Schwärzen und Vergessen, das Verdrängen und einseitiges Färben beseitigen kann. Nur dank Demut und Empathie, die wir im Dialog erlernen, wird sich unser Blick auf die Geschichte - und die eigene Identität - ändern, so wie man ein holographisches Bild in den Händen hält - aus einer eindimensionalen Betrachtungsweise wird etwas Plastisches, was Perspektive und Tiefe hat. Ja, diese plötzlich entdeckte Tiefe - das ist Europa.

Zweiter Schritt: Reflexion des europäischen Messianismus und der hermeneutische Kreis zwischen Verstand und Glauben

Zu den wichtigsten Charakteristiken der europäischen Geschichte gehört das zwingende Bestreben, den Rest der Welt anzusprechen, das unermüdliche Bemühen - um mit den Worten des Apostels Paulus, des ersten Missionars Europas, zu sprechen, "zur Zeit oder zur Unzeit" - das anzubieten, was es als sein größtes Geschenk erfahren hat und ihm zur universellen Verbreitung des Guten anvertraut wurde: die hellenische Kultur, die römische Zivilisation, den christlichen Glauben, den Humanismus, die Idee der Freiheit, wissenschaftliche Rationalität, technische Erfindungen, soziale Revolutionen, die Emanzipation der Frau, Menschenrechte, Umweltschutz … der Europäer war seit jeher ein Kommunikator, ein Missionar; nicht nur, dass er seine Kultur als den Ort verstand, wo sich die Wahrheit ihr Hauptquartier errichtet hatte (auf das Gefühl, mein Heim ist ein Ort, durch den die Achse der Welt verläuft, treffen wir in vielen Zivilisationen), doch immer wurde er auch von seiner Besessenheit angetrieben, das ihm anvertraute Feuer weiter zu tragen und damit alle Winkel der Erde zu erleuchten, die ihm im Vergleich mit dem eigenen Feuer untröstlich dunkel vorkamen. Erst an der Schwelle zum zweiten Jahrtausend kamen in Europa starke Zweifel auf, ob dieses Feuer denn nicht mehr verbrenne, als es wärme oder erhelle; Europa erlahmte im Schatten Amerikas, seiner Tochter, die es in der Dynamik des Exports von Gutem überholt hatte, in seiner Missionstätigkeit und begann, mehr und mehr kritisch darüber nachzudenken. Vor allem beim fünfhundertsten Jubiläum der "Entdeckung Amerikas" - ganz am Ende des zweiten Jahrtausends des Christentums - waren wir Zeugen einer sehr verlegenen und oft auch bitteren Reflexion der europäischen zivilisatorischen Expansion.

Viele Zivilisationen haben versucht, ihr Territorium und ihre Macht zu erweitern, Europa versuchte, die Wahrheit zu verbreiten, zu verteilen oder aufzuzwingen. Erst am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts kam im Gewissen Europas die Frage auf, ob eine aufgezwungene Wahrheit immer noch eine Wahrheit sei. Und gleich darauf folgte die Frage: Ist die Wahrheit Europas wirklich universell? Und ist es die Wahrheit, oder nur eine ihrer kulturell und geschichtlich bedingten Meinungen, die nicht nur die anderen nicht in die Pflicht nehmen kann, sondern die die Glaubwürdigkeit und Verbindlichkeit auch für uns selbst verloren hat?

Es scheint, dass vor allem zwei Werte am Beginn der kulturellen Geschichte unseres Kontinents die Europäer mit der Überzeugung erfüllten, sie seien so universell gültig, dass es unverzeihlich wäre, wenn man sie für sich behielte. Der erste Wert war die griechische Rationalität, die hellenische Auffassung von Menschentum und menschlichem Verstand als Orte des Einblicks in die Wahrheit. Der zweite Wert ging aus dem einzigen Volk hervor, das der Hellenisierung im Rahmen des Römischen Reiches widerstanden hatte, aus Israel - das Evangelium Jesu von Nazareth in der Interpretation des Apostels Paulus, eines orthodoxen Juden mit ebenfalls griechischer Bildung und römischer Staatsangehörigkeit.

Plötzlich verbanden sich beide Elemente - das griechische Philosophieren und der christliche Glaube mit jüdischen Wurzeln - und schufen die christliche Lehre, die Orthodoxie. Diese wurde dann in lateinischer Version - der römische Geist verlieh dieser Synthese die Dimension des Rechts - für Jahrtausende die "Sprache des Abendlandes", um mit Foucault zu sprechen: "das Regime der Wahrheit". Das, was Europa nach allen Seiten exportiert hatte, um Jesu Anweisung "Gehet hin und lehret alle Völker" zu erfüllen, war vor allem eine Lehre. Es war ein Glaube in Form der Orthodoxie, eher als eine Orthopraxis, es war ein Glauben, der häufiger von Verstand als von Liebe und Hoffnung begleitet wurde. Ohne die Opferbereitschaft und die persönliche Heiligkeit der vielen christlichen Missionare übersehen zu wollen, sehen wir, dass in den Expansionsmotiven Europas schrittweise der Verstand über den Glauben die Oberhand gewinnt, die Begeisterung der Apostel wird schrittweise von pragmatischem geschäftlichem, politischem und militärischem Kalkül abgelöst. Auf den Schiffen des Christoph Columbus reist noch der apostolische Eifer mit, er will den kürzesten Weg zu den indischen Gewürzen finden; die klugen Jesuitenpatres legen am chinesischen Hof erst einmal die technischen Errungenschaften als Vorspeise vor, damit den Herrschaften das Hauptgericht, der römische Katechismus, besser munden möge. Bald zeigte sich aber, dass die Produkte des europäischen technischen Verstandes in der Welt besseren Absatz finden als die Produkte des europäischen Glaubens.

Dies geschieht in einer Zeit, in der in Europa die katholische Ehe von Glauben und Verstand im Kreuzfeuer steht - von Seiten der Reformatoren, die den Glauben emanzipieren, und der Humanisten, die den Verstand emanzipieren. Kurz darauf beginnt Europa, die neue Form seines Glaubens und der anderen Verbindung von Glauben und Verstand, als es die alte metaphysische Theologie war, in die Welt hinauszutragen - es ist dies die Frucht eines "dritten Weges des Christentums", der Glaube der europäischen Intellektuellen, die von den Glaubenskriegen zwischen dem katholischen und dem protestantischen Lager angewidert waren, der Glaube, der sich dann in philosophischen und politischen Idealen der Aufklärung äußert. Im Rahmen dieses Glaubens verändert sich die eschatologische Erwartung der Ewigkeit im Vertrauen in den Fortschritt, Askese in Sparsamkeit und Fleiß, Kontemplation in das Auskosten von Natur und Kultur, Nächstenliebe in soziale Fürsorge und Feindesliebe in höfliche Toleranz. Nach dem Zerfall der katholischen Verbindung zwischen dem Gott der Bibel und dem Gott der griechischen Metaphysik erbt die Reformation den unberechenbaren Gott Israels und die Aufklärung des vernünftigen Gottes der Philosophen, und beide Strömungen rückten sich dann dieses Erbe nach ihren Bedürfnissen zurecht. Der Gott der Aufgeklärten verwandelt sich in einen Großen Handwerker (Uhrmacher oder Architekten), der, ganz Gentleman, dem Menschen einen immer größeren Raum überlässt: der Mensch und seine Rechte werden immer mehr zum Mittelpunkt dieses säkularisierten Christentums, das aus dem Erbe des orthodoxen Christentums heraus schrittweise auf viele Dinge verzichtet, eines jedoch erhält es sich: den unerschütterlichen Glauben an seine Universalität und den damit verbundenen missionarischen Eifer. In Nordamerika werden diese Ideale politisch sogar früher und glücklicher umgesetzt als auf dem alten Kontinent: sie werden zur ideellen Grundlage der Vereinigten Staaten, der erfolgreichsten Tochter Europas und deren Versuch, Glaube und Verstand zu verbinden. Glaube und Verstand - in Form der Aufklärung spezifischer Prägung - vertragen sich in der angelsächsischen Welt gut, und ihre Synthese bildet eine stabilere und gesündere Biosphäre für die Entwicklung der Demokratie als im "alten Europa".

Dort - vor allem in Frankreich, wo das Element des Protestantismus tragisch unterdrückt wurde und im entscheidenden Moment schmerzlich fehlte - treffen Aufklärung und Katholizismus, der mit einer korrumpierten Monarchie verflochten ist, heftig aufeinander. Während der französischen Revolution wird der Verstand mit einer bekannten symbolischen Geste auf den eingeäscherten Altar des Christentums erhoben; doch dieser vergötterte und vom christlichen Glauben emanzipierte Verstand setzte plötzlich mächtige Kräfte der Irrationalität und des Terrors frei. Das Ideal von Freiheit und Demokratie wird nach der Schreckensherrschaft der Jakobiner in den Augen vieler Europäer unglaubwürdig, und ein Teil von ihnen errichtet im Namen des gefährdeten Glaubens und der Tradition einer "Gegenkultur", einen Schutzwall gegen die Kräfte, die auf die Ideale des Verstandes, der Freiheit und der Demokratie schwören. Dann verkörpert sich der Verstand oder auch "Weltgeist" im postrevolutionären Frankreich - zumindest fühlen dies viele großen Geister Europas so - in einem Imperator, der wie ein neuer Cäsar Europa in eigene Regie übernehmen will. Napoleons Expansionsbestrebungen und die Situation nach deren Scheitern (einschließlich des Aufstiegs Russlands) beschleunigen dann in allen Winkeln Europas fieberhaften Nationalismus.

Die Romantik verleiht der Liebe zur Heimat mystischen Eifer und drückt dem Nationalismus religiösen Charakter auf. Europa wird im folgenden Jahrhundert bis zum Ende des ersten Weltkrieges hoffnungslos zersplittern. Die neue Religion des Nationalismus wird dann im Herzen Europas von zwei Kriegskatastrophen angeheizt, die fast den ganzen Planeten ergreifen. Aus beiden Kriegen geht Europa geschwächt hervor, und in ihrer Geschichte schreibenden Aufgabe wird es von den Vereinigten Staaten von Amerika abgewechselt.

Amerika wird dann im zwanzigsten Jahrhundert politischer Hauptmissionar "westlicher Werte" - des Glaubens an die Demokratie, die Menschenrechte, die Gewissensfreiheit, ungebremste wirtschaftliche Initiative und den Rechtsstaat. Im Rahmen dieses Glaubens baut Amerika seine Weltpolitik aus, tritt in Kriege ein und legitimiert in letzter Zeit mit diesem Glauben auch die Politik von "Präventivkriegen".

An der Schwelle zum neuen Jahrtausend schleicht sich jedoch unabwendbar die Frage ein: wird nicht auch dieser Glaube nur noch zu einem Vorwand für andere Interessen eines pragmatisch kalkulierenden Verstandes? Kann man die Demokratie westlichen Typs so einfach in ein Umfeld verpflanzen, das nicht über Jahrhunderte die europäische Synthese von Glaube und Verstand kultiviert hat? Die neueste Geschichte der postkommunistischen Länder zeigt schmerzlich, wie schwer die Demokratie da Fuß fasst, wo diese Tradition über Jahrzehnte gewaltsam unterdrückt wurde. Und der gegenwärtige Zustand des Westens zeigt, wie gefährlich die wirtschaftliche und politische Demokratie durch Korruption bedroht ist, wenn nicht in einem ausreichenden Maße ein moralisches Klima herausgebildet wird, auf das sie ganz wesentlich angewiesen ist. Auf die "unsichtbare Hand des Marktes" konnte man sich offensichtlich nur verlassen, als die Mechanismen der kapitalistischen Wirtschaft noch recht einfach und jene christlichen Tugenden noch lebendig waren, in denen Max Weber die Wiege des Kapitalismus sah. Dort, wo die Definition des Gentlemans aus der Feder von Kardinal Newman nur noch als nostalgische Erinnerung aus längst vergangenen Zeiten gelesen wird, müssen wir die Hoffnung auf die "unsichtbare Hand", auf die wir unsere Verantwortung delegieren können, begraben.

Europa steht heute vor der einzigartigen Chance, frei und auf friedlichem Wege ein politisches und wirtschaftliches Ganzes zu schaffen, denn die politischen Schranken, die eine Einheit unmöglich machten, sind gefallen. Können wir jedoch ein moralisches und kulturelles Klima schaffen und nachhaltig pflegen, in dem dieses Ganze überleben kann? Über viele Jahrhunderte war - in verschiedenen Formen - der Grundpfeiler der europäischen Kultur die Verbindung von Glaube und Verstand. Papst Johannes Paul II. deutet in seiner Enzyklika Fides et ratio an, dass zwischen Glauben und Verstand ein hermeneutischer Kreis besteht; er spricht sich dafür aus, dass diese Verbindung erhalten bleiben möge, denn Glaube ohne Verstand und Verstand ohne Glauben können zu destruktiven Kräften werden. Noch besser könnten wir das Verhältnis von Glaube und Verstand mit einer Spirale vergleichen, die sich entwickelt und sich im geschichtlichen Prozess verändert. Eine Version war jene Verbindung der griechischen Metaphysik mit dem Christentum, das von der Patristik und der Scholastik aufgebaut wurde, sogar mit einem Beitrag der arabischen Philosophie - dieses großartige Gebäude zerfiel an der Schwelle zur Neuzeit. Eine andere Version war die bereits erwähnte Aufklärung, vor allem der deutsche Idealismus und in seinem Rahmen der Kantsche Versuch, im Haus des "mündigen Verstandes" einen Raum für den Glauben zu erhalten Doch jene aufklärerisch-humanistische Kultur und das demokratische System, das darauf aufbaute, verloren mit der Zeit an Glaubwürdigkeit und Faszination, wenn sie nicht in der Lage waren, zwei Weltkriege und den Aufstieg von totalitären Systemen zu verhindern. In vielen Ländern mit einer tiefen Tradition des Christentums und der humanistischen Kultur ließen sich viele Menschen "von den neuen Religionen" totalitärer Systeme hinreißen, und diese Systeme kamen an manch einem Ort durch die Hintertür einer geschwächten Demokratie an die Macht.

Zum Sieg der Freiheit und der Demokratie verhalfen zweimal in bedeutendem Maße die Vereinigten Staaten; es drängt sich die Frage auf, ob nicht die Stabilität der amerikanischen Demokratie auch damit zusammenhängt, dass sich die amerikanische Gesellschaft von der westlichen deutlich durch einen unverhältnismäßig geringeren Grad der Säkularisierung unterscheidet. Ich befürchte aber, dass die amerikanische Version der modernen Zivilisation sehr schnell gerade in dieser Zeit ihre Glaubwürdigkeit verliert. Die stolze Erklärung eines hohen amerikanischen Repräsentanten, die Vereinigten Staaten hätten zwei Weltkriege und den Kalten Krieg gegen den Kommunismus gewonnen und feierten nun ruhmreich ihren Sieg im vierten Weltkrieg gegen die arabischen Diktaturen und den islamischen Terrorismus, ist ein Ausdruck eines tragischen Nichtverstehens der geschichtlichen Entwicklung. Der Fall des Kommunismus war vielmehr ein Nebenprodukt einer großen soziokulturellen Revolution mit dem Namen Globalisierung als ein einfacher Sieg Amerikas über das Sowjetreich.

Durch dieselbe Bewegung der Zivilisation wird auch der "Semiglobalisierungsprozess" der europäischen Integration getragen. Die Ereignisse, die im Herbst 1989 mit dem Fall der Berliner Mauer begannen, sind ein ähnlicher Durchbruch in der europäischen und der westlichen Geschichte wie der Prozess, der mit dem Fall der Bastille genau 200 Jahre früher eingeläutet worden war. Auch sie erfordern früher oder später einen neuen Typus von Zivilisation einschließlich einer neuen politischen Kultur und eines neuen Typus philosophischen und religiösen Denkens. Sind die vorangehenden Überlegungen von Philosophen der Verantwortung wie Levinas und Jonas, Theologen wie J. B. Metz oder das überraschende Wohlwollen gegenüber dem Glauben bei Denkern wie Gianni Vattimo, Jacques Derrida, Umberto Eco oder vor kurzem Jürgen Habermas ein neuer Typus des Zusammentreffens von Glauben und Verstand an der Schwelle einer neuen Form Europas - eines Zusammentreffens im Namen der Verantwortung für Menschlichkeit und die Erträglichkeit unserer Zivilisation?

Wie schon gesagt, Europa verliert seinen missionarischen Eifer. Johannes Paul II. hat mit seinem Programm einer "neuen Evangelisierung Europas" Nachdruck auf eine Art "Auto-Evangelisierung Europas", auf eine Mission ad intra, gelegt. Übrigens: ein Großteil Europas altert und stirbt aus, nach Europa strömen Zuwanderer aus allen Ecken und Enden der Welt, ähnlich wie nach dem Fall des Römischen Reiches. Der Kirche ist es damals gelungen, den vielen, vielen Migranten, deren Nachfahren die meisten heutigen europäischen Völker stellen, beides Werte, auf die Europa damals so stolz war, zu geben, den christlichen Glauben und die Kultur der Antike. Wer übergibt heute und morgen etwas aus dem europäischen Erbe an die neuen Einwohner unseres Kontinents, und was eigentlich?

Dritter Schritt - recht knapp - der hermeneutische Kreis zwischen Willen und Unterbewusstem

Denken wir über die Metapher "Seele Europas" nach. Wir haben vom europäischen Gedächtnis und Gewissen gesprochen, von europäischem Verstand und Glauben. Was ist zum "Willen Europas" zu sagen? Eigentlich haben wir diese Dimension der europäischen Seele bereits berührt, als wir über den missionarischen Instinkt der Europäer räsonierten, über den "Willen zur Wahrheit", oft war dahinter der "Willen zur Macht" erkennbar.

Der "Wille zur Macht" ist ein essentieller Gedanke des späten Nietzsche, einer der tiefblickendsten Diagnostiker der europäischen Seele; es handelt sich um einen Begriff, der genauso vieldeutig ist - und der in ähnlicher Weise oft falsch verstanden und missbraucht wird - wie der "Tod Gottes" und der "Nihilismus", mit denen der "Wille zur Macht" in Nietzsches später Philosophie übrigens eng zusammenhängt. In der deutlichen Anspielung auf Nietzsche hat nach dem letzten Krieg der Psychotherapeut und Kulturphilosoph Viktor Frankl versucht, eine optimistische Perspektive anzubieten, und zwar unter der Losung "Wille zum Sinn". Nach Frankls Auffassung besteht das Drama des heutigen Menschen darin, dass ihm seine Instinkte nicht mehr sagen, was er tun muss, wie das bei den Tieren der Fall ist, und die Tradition sagt ihm nicht mehr, was er tun sollte, somit entsteht ein "existentielles Vakuum" - der Mensch weiß nicht, was er wollen soll.

Kann man heute von einem "gemeinsamen Willen Europas" sprechen? Ist vielleicht der dynamische Prozess der europäischen politischen und wirtschaftlichen Einigung der Ausdruck eines solchen Willens? Oder können wir - ähnlich wie Václav Havel vor einigen Jahren im französischen Parlament - die Erweiterung der Europäischen Union mit einer Zugfahrt vergleichen, die zu einer anderen Zeit und mit anderen Absichten angetreten worden ist - die schreitet mit einer Art Trägheit voran, ohne sich verantwortungsvoll Fragen nach ihrem Ziel und Sinn zu stellen, ohne den neuen geschichtlichen Kontext zur Kenntnis zu nehmen und ihn durch neue ideelle Impulse zu beleben? Havel fordert Europa auf, sich selbst zu zähmen und zu disziplinieren, sich verantwortlich zu fühlen für die Folgen der globalen Verbreitung seiner technisierten und auf Konsum orientierten Zivilisation - und ein Ausdruck für diese Verantwortung sollte eine Rückkehr zu Demut und Achtung vor dem Nächsten, der anders ist, sein (im Geiste der Philosophie von Emanuel Levinas).

Denken wir über den "europäischen Willen" und sogar über die Möglichkeiten einer möglichen Wende in der Ausrichtung der europäischen Zivilisation nach, dann müssen wir bemerken, dass der Willen ständig von Motiven in Bewegung gehalten wird. Die Tiefenpsychologie lehrt, dass wir manifestierte und latente, bewusste und unbewusste Motive unterscheiden. Wenn wir also entschlossen sind, von der "Seele Europas" zu sprechen, können wir dann auch von einem "europäischen Unterbewusstsein" sprechen? Wenn vieles von dem, was Europa in Bewegung hält, unter der Oberfläche des Bewussten verborgen liegt - müssen nicht die "Träume Europas" und seine "Fehlleistungen" einer Betrachtung unterzogen werden? Müssen nicht deren Mythen und "Archetypen" untersucht werden?

Hier bietet sich eine nicht enden wollende Reise durch die europäische Literatur an, die versucht hat, das Gesicht, den Charakter und das Verhängnis des Europäers in einer Unmenge von Spiegeln und Porträts vor Augen zu führen: Prometheus, Ödipus, Odysseus, Merlin, Parsifal, Ahasver, Faust, Hamlet, Don Quichotte, Don Juan, Oblomow, Josef Schwejk und Josef K. …

Wenn wir von europäischen Hoffnung, Träumen, Plänen und Erwartungen sprechen, sollten wir auch an den Segen europäischer Skepsis, Ironie und bitteren Humors erinnern, denn gerade die Vorstellungen von der Zukunft Europas wurden oft zu Götzenbildern, und Ironie, Skepsis und Humor sind Instrumente einer notwendigen Desakralisierung von Idolen.

Neben der notorischen europäischen Sehnsucht nach dem "Licht" müssen Dichter, Philosophen und Mystiker der Nacht aufgespürt werden. Europa hält in seinen dunklen Kellergewölben viele äußerst wertvolle Schätze versteckt. Untersuchen wir die Städte der europäischen Rationalität, sollten wir auch zu den Kasematten der Mystik, der Esoterik und der Gnosis hinabsteigen, betrachten wir die Kathedralen des Glaubens, sollten wir auch nicht die Krypten der Häresien, des Aberglaubens und der geheimen Kulte außer acht lassen. Vor kurzem stieß ich auf eine Anmerkung zum Werk des Marquis de Sade, das Sakrale habe bei der Flucht vor der aufklärerischen Expansion und Moral letzte Zuflucht in Sexualität und Gewalt gefunden - ist dies nicht der Schlüssel zum Verständnis der Obsession durch diese Themen auf den Fernsehbildschirmen?

Zur Seele Europas gehören jedoch auch die Vorstellungen und Phantasien über "die anderen", die Missions-, Abenteuer- und Entdeckungs- oder Kriegsfeldzüge jenseits der Grenzen unseres Kontinents unternommen haben. Europa zu erkennen bedeutet, es in den Beziehungen zu den anderen Kulturen und Zivilisationen zu sehen, denn oft hat es seine Hoffnungen und Ängste, aber auch seine eigenen Schattenseiten in sie hineinprojiziert.

Das kühne Projekt der europäischen Einheit, das gemeinsame Haus Europa vom Atlantik bis zum Ural, errichten wir nicht auf unbekanntem Boden oder Brachland. Wir bauen es auf einem Boden, in dessen Schichten vergessene Schätze und verbrannte Trümmer lagern, wo Götter, Helden und Verbrecher begraben sind, verrostete Gedanken und nicht explodierte Bomben liegen. Wir müssen unserem Europa keine Seele einhauchen - doch wir müssen uns von Zeit zu Zeit aufmachen und in seine Tiefen blicken, "hinunter zu den Müttern", in die Unterwelt wie Orpheus zu Eurydike oder der getötete Christus zu Adam und den Vätern aus dem Alten Testament, wie wir dies von alten Ikonen her kennen.

"Und kein Zeichen wird diesem Volk gegeben werden als nur das Zeichen Jonas." sagte Jesus. Oft habe ich darüber nachgedacht, was alles diese Worte bedeuten können. Jona kündigte dem Volk Ninive den Untergang an und war wütend, als sich seine Worte nicht erfüllten. Er war so verliebt in seine düstere Prophezeiung und freute sich so auf die Apokalypse des Zorns Gottes, dass er nicht merkte, dass sich in den Herzen der Einwohner von Ninive etwas veränderte und auch Gott das Urteil der zornigen Gerechtigkeit in die Geduld der Gnade umgewandelt hatte. Das ist das Zeichen Jonas: scheinbar ist nichts geschehen - und doch ist etwas geschehen.

Auch über Europa haben die Propheten aller möglichen Glaubenrichtungen oft sowohl apokalyptische Urteile als auch revolutionäre Versprechen eines baldigen Paradieses verkündet. Und noch immer sind wir hier mit aller Vieldeutigkeit und Problembeladenheit unseres Lebens und unserer Kultur, wir beginnen ständig neu. Ist dies die ewige Wiederkehr derselben Dinge? Oder reift doch etwas und wandelt sich in den Tiefen unserer Seelen? Es gibt viele Gründe dafür, die lange, verworrene und stets voranschreitende Geschichte Europas als Zeichen dafür zu verstehen, dass es keinen Gott gibt, der unserer Geschichte ein schnelles Ende bereiten, die Schuldigen bestrafen und uns retten könnte. Vielleicht aber zeugt die Realität unserer immer noch offenen Zukunft davon, dass der verborgene Gott die Freiheit unserer suchenden Seele respektiert und - trotz allem - Vertrauen, Hoffnung und Liebe für uns hegt. Vielleicht werden wir im Grunde gerade von diesen drei "göttlichen Tugenden" - und gerade nur diesen - zusammengehalten.

Mai 2003
[webmaster] - Dominik Turchich